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Unbarmherzig ehrlich

Alban Gerhardt

Die Perfektion im Spiel des 35-jährigen Cellisten Alban Gerhardt schmeckt weder nach erwachsenem Wunderkind noch nach ererbtem Klangadel. Die Freude in seinem oft schwebend leichten Charakterton hat immer Kern, die Trauer Tiefe und Spannung zugleich.

Ein frohes Kind sei er nicht gewesen, meint Alban Gerhardt und lacht gleich wieder. Amüsiert, vielleicht einen Hauch erleichtert. Wenige Freunde habe er damals gehabt; er habe sich viel mit dem Tod beschäftigt – und sei fast jeden zweiten Tag ins Konzert gegangen. „Zum Glück ist mein Vater Berliner Philharmoniker. Ich saß dann da auf dem Podium, so richtig mit Partitur – bescheuert eigentlich. Aber mich interessierte nichts anderes.“ Heute knattert der Cellist mit seinem Motorroller direkt vom gemeinsamen Skaten mit dem kleinen Sohn zum Interview. Die Schulklassen, denen er von Zeit zu Zeit Klassik und Cello näher bringt, würden so einen Typen vermutlich unbesehen in ihre Fußballmannschaft wählen. Die großen Konzertsäle der Welt gewinnt er mit seiner offenen, positiven Ausstrahlung erst recht.
Gerhardts Zugriff tut nicht nur den bekannten Repertoirestücken gut, sondern auch jenen drei raren spätromantischen Konzerten von Ernö von Dohnányi, George Enescu und Eugen d’Albert, mit denen er seine neue Celloserie startete. Es sind drei unterschiedliche Welten: „Dohnányi“, schwärmt Gerhardt, „fand ich unglaublich schön: Das ist ein Kinderspiel, ein richtiges orgiastisches Wolke-sieben-Stück, es flimmert die ganze Zeit. Da musste ich mich eher zurückhalten und mir sagen, jetzt erst mal wieder Enescu.“ Der sei der modernste der drei Komponisten gewesen. Das Stück erschien ihm auf dem Papier zunächst endlos: „Zehn Seiten sind zwar nicht so viel, aber ganz klein gedruckt!“ Erst auswendig gelernt, fügten sich die Teile zu einer kompakten Form: „Wie ein Mosaik.“ Auswendiglernen bedeutet für Alban Gerhardt vor allem Durchdringen: „Als ob man das Stück selbst geschrieben hat, als ob man frei improvisieren würde – dann macht es auch richtig Spaß!“ In d’Alberts Konzert freut sich Gerhardt dagegen auch über die überwundenen technischen Probleme: „Die sind richtig mies.“ Daneben rang er mit dem Dirigenten Carlos Kalmar um die Frage nach der Grenze zwischen Sentiment und Sentimentalität: „Ich habe mich tierisch mit ihm gezofft! Aber beim Zoffen war mir bewusst, dass es gut ist. Ich habe gemerkt, wie viel ihm daran liegt. Ich hätte ja auch einen Pinsler nehmen können, der Befehlsempfänger ist.“
Gerhardt kann Offenheit vertragen – und hört deswegen am liebsten auf seinen Minidiscman. „Ich habe mich vorher ganz oft selbst aufgenommen – das klingt im Hotelzimmer unbarmherzig ehrlich.“ Dabei brach er übrigens einen persönlichen Rekord: „Ich habe fünf Stunden 50 Minuten hintereinander am Cello gesessen – bin nicht aufs Klo gegangen, habe nichts gegessen – doch: Eine Banane habe ich mir geangelt. Aber ich bin nicht aufgestanden! Dann habe ich einen Kaffee getrunken und dem Manager alle drei Konzerte hintereinander vorgespielt. 68 Minuten.“ Der Cellist lacht wieder: „Meine Finger taten weh, meine Ohren taten weh! Und beim Zubettgehen habe ich noch einmal angehört, was ich da gespielt habe.“ Tiefer Sinn der Plackerei ist, im Augenblick der Produktion Energie für die Emotionen zu behalten: „Ich kann ohne Ende spielen, ich bin sehr ökonomisch, aber emotional geht es halt nicht.“ Gerhardt fällt dazu seine jüngste Aufnahmesession in der Wigmore Hall ein. „An einer Stelle hat der Tonmeister geseufzt: ,Ach, war das schön.‘ Diese Version müsse er jetzt aufnehmen. Ich weiß, was ich gemacht habe, aber ich wollte es nicht reproduzieren. Es war vielleicht von niemandem außer von mir zu hören – aber es war ein echtes Gefühl. Wenn ich das reproduziert hätte, dann hätte ich mich wie’n Arsch gefühlt.“

Neu erschienen:

The Romantic Cello (Concerto Vol. 1)

Alban Gerhardt, BBC Scottish Symphony Orchestra, Carlos Kalmar

Hyperion/Codaex

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 5 / 2005



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