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Musikstadt: Kopenhagen

Stradivari und Diamanten

Eigentlich lieben die Dänen das vornehme Understatement. Doch mit ihren neuen Opern- und Konzertsälen fallen sie einfach auf. Was Kopenhagen sonst noch alles an Schönheiten und Seltsamkeiten zu bieten hat, berichtet Carsten Niemann, der für RONDO die dänische Musikhauptstadt besuchte.

Noch ist sie Dänemarks prominentestes Mobbing-Opfer: die neue Kopenhagener Oper. Was hat man nicht alles an dem Musentempel auszusetzen, den der über 90-jährige Reeder Maersk Mc-Kinney Møller dem dänischen Volk schenkte. Von der Tatsache, dass man von der Planung bis zur Eröffnung im Januar 2005 nur vier Jahre benötigte, ließ sich niemand beeindrucken. Den einen fehlte die Königinnenloge, andere ärgerten sich über das Rauchverbot und sogar der Architekt Henning Larsen distanzierte sich von seinem Bau, als der begeistert mitgestaltende Bauherr auf die Einfügung von streifenartigen Metallblenden an der Glasfront bestand. Und das ist noch nicht alles: Das Haus, vis à vis der Altstadt auf einem bis vor kurzem als Militärgelände genutzten Teil des Vorwerks Christianshavn gelegen, sei angeblich schlecht zu erreichen.
Selbst an der Großzügigkeit des Mäzens wird gezweifelt: er spare durch die Aktion massenhaft Steuern. Nur die allerneueste Kritik lässt bei den Opernmachern Hoffnungen keimen. Jetzt heißt es nämlich, die Preise für Führungen durch das Haus seien zu hoch. Das stimmt: die Rundgänge sind mit ihren umgerechnet 27 Euro teurer als eine Vorstellung auf den billigeren Plätzen. Trotzdem sind sie bis zum Sommer ausgebucht – bis dahin werden 40.000 Menschen dem geschenkten Gaul ins Maul gesehen haben.
Es muss mit dem ausgeprägten Sinn der Skandinavier für das Gemeinwesen und ihrer Abneigung gegen allzu protzig ausgestellte Statussymbole zusammenhängen, dass viele Dänen die 335 Millionen Euro schwere Mäzenatengeste keineswegs kritiklos dankend hinnahmen. Schließlich lässt sich einfach nicht übersehen, dass sich der reichste Mann Dänemarks mit dem Skandinavienfähren-förmigen Koloss zunächst einmal selbst ein Denkmal setzte. Jedoch haben die Kopenhagener Musikfreunde auch handfeste Gründe aus der jüngeren Geschichte der Stadt, betont moderne Bauten mit kritischen Augen zu mustern. Einer dieser Gründe nennt sich „Der schwarze Diamant“ und erfüllt im bürgerlichen Leben die Funktion eines Erweiterungsbaus für die Königliche Bibliothek. Zu einer Art dänischem Centre Pompidou ausgewachsen, beherbergt das 1999 vollendete Haus nicht nur einen der attraktivsten Konzertsäle der Stadt, sondern zugleich noch eine Buchhandlung, ein Café, ein Restaurant sowie regelmäßige Cartoon- und Fotoausstellungen.
Zugegebenermaßen ist auch dieses Gebäude von außen nur ein mächtiger schwarzer Klotz, der sich auch noch sehr selbstbewusst vor die historische Fassade des Hauptgebäudes schiebt. Doch spätestens beim Betreten zeigt sich, dass der Bau, der seinen poetischen Namen einer findigen Kultusministerin verdankt, tatsächlich ein architektonisches Juwel darstellt. Von der schlichten Caféteria aus fällt der Blick auf die eleganten schwarzen Büropaläste der gegenüberliegenden Uferseite, die sich mit ihren Glasfronten des Nachts in glühende Würfel verwandeln. Blickt man etwas weiter gen Westen kann man an guten Abenden sehen, wie die untergehende Sonne die von Schloss Christiansborg zum Tivoli führende Brücke mit ihren Rosenfingern berührt. Lenkt man dagegen den Schritt tiefer in das Gebäude Richtung Konzertsaal, sieht man, dass der schwarze Diamant in seiner Mitte in einen Lichthof aufbricht, der zur Wasserseite hin in eine gläserne Front mündet. An den Seiten befinden sich hinter großzügig geschwungenen Balkonen weite freundliche Lesesäle. Ein lang gezogenes Laufband führt zwischen den Seiten des Atriums zum ersten Stock. Touristen wie Bibliotheksbesucher betreten es gerne rückwärts – um so lange wie möglich den Ausblick zu genießen. Den bis zu 600 Plätze fassenden hell getäfelten „Königinnensaal“, der sich in Größe und Nachhall verändern lässt, muss man nicht nur als architektonisches Kunstwerk bewundern: Hier finden regelmäßige Konzerte von hochkarätigen Gastorchestern, aber auch des Sjælland Symfoniorkesters oder des hauseigenen „Diamant Ensembles“ statt. Die Prospekte lassen wir schweren Herzens in der Caféteria liegen. Weil wir gelernt haben, dass die Restaurants in Kopenhagen um 22 Uhr schließen, stärken wir uns bei vorzüglicher Pasta mit frisch gebackenem Brot für die weiteren Abenteuer des Abends. Dann brechen wir auf – wir haben Karten für die neue Oper.

Die neue Oper

Der Weg dahin ist wirklich nicht weit. Direkt vor der Bibliothek hält ein Schiff, das uns übersetzen wird. Ausführlich erläutert uns der Bootsmann die Vorteile, die der Erwerb einer Zehnerkarte mit sich bringt – Massenabfertigung kennt man vor der vierten Vorstellung noch nicht. Währenddessen legt das Boot ab, der Kapitän dreht den Motor auf, die dunklen Wasser gurgeln. In wenigen Minuten haben wir den inneren Hafen überquert und uns dem mächtigen Bau mit dem tankstellenartigen Vordach genähert. Der wird mit zunehmender Nähe immer attraktiver. Langsam entgleitet dem Blick der hintere Teil der langen Seitenfront. Die ist zwar mit „süddeutschem Jura- Gelbsandstein“ verkleidet, wirkt jedoch in der Nacht käsig weiß wie ein profaner Fabrikbau. Dafür beherrscht jetzt die gerundete gläserne Vorderfront das Gesichtsfeld, die uns an eine gigantische Kommandobrücke erinnert. Hinter der Fensterfront zeichnen sich die Schatten der bereits angelangten Besucher ab. Viele von ihnen blicken von den verschiedenen Ebenen des luftigen Foyers auf das nächtlich beleuchtete Kopenhagen – eine gelungene Version des alten Opernthemas vom Sehen und Gesehenwerden. (Wer nicht schwindelfrei ist, wird bei der Gelegenheit auch ein gutes Wort für die umstrittenen Blenden einlegen.) Bestens nehmen sich die Schatten übrigens vor den warmen Holztönen der Außenwand des eigentlichen Saales aus. Dieser ruht wie eine gewaltige Kugel in der gläsernen Fassung und ist von den oberen Terrassen des Foyers über futuristische Brücken zu erreichen. Das Orangerot des Holzhintergrunds, so hat man uns erzählt, sei einer Stradivari abgeschaut; gemeinsam mit den gewaltigen drei Kugelleuchten im Foyer verleiht es dem Entree jedoch zugleich ein gewisses modisches Seventies-Gefühl.
Während das Pausenklingeln, eine gezackte atonale Tonfolge, noch einmal dezidiert an die Gegenwart erinnert, überrascht der Zuschauerraum durch seine klassische Grundform: ein großes Hufeisen, dunkel getäfelt, von dem sich drei echte und ein falscher Rang (für die Beleuchtung) in hellem Holz abheben. Sehr fern in der Höhe schwebt die von echtem Blattgold funkelnde Decke. Doch auch dieser etwas unskandinavische Prunk kann nicht von dem dominierenden ruhigen Blau der bequemen Sitzreihen ablenken.
Nun könnte es also losgehen – hätte das Management nicht an den Beginn der neuen Ära Verdis „Aida“ gesetzt. Natürlich spült das Spektakel mit seinen um bis zu 200% erhöhten Eröffnungs-Sondertarifen zusätzliches Geld für die Bespielung des Riesenhauses in die Kasse; künstlerisch verkauft sich die königliche Oper mit der kreuzbiederen Inszenierung von Mikael Melbye dabei allerdings unter Wert. Wenigstens erhalten die Bühnentechniker jede Gelegenheit, ihr neues Spielzeug auszuprobieren. Vollmöblierte altägyptische Appartements mit wulstigen Säulen, die wie umgekehrte Elefantenfüße in den Himmel ragen, bewegen sich Dank der Segnungen der Hydraulik mühelos auf- und abwärts. Die enormen Ausmaße der Seitenbühne machen es sogar möglich, einen kompletten Tempel samt Chor und Statisten von der Seite aufzufahren. Echte Kunst hätte jedoch am richtigen Ende gespart. Allzu spärlich geschminkte Statistenbeine sorgen dafür, dass wir uns trotz aller Bemühungen noch immer im Land der Dänen wähnen.
Die künstlerische Bilanz wird zum Glück durch die wackere heimische Sängerriege aufgebessert. Uns berühren Gitta-Maria Sjöberg als Aida, Jon Ketilsson als Radames und vor allem die leider nicht sehr volumenreiche, aber im dramatischen Ausdruck umso mehr überzeugende Anette Bod als Amneris. Der eigentliche Star des Abends ist jedoch die Akustik. Es ist, als besäße der Orchestergraben eine eigene virtuelle Seitenbühne: Im Gegensatz zur Szene eröffnet die Klangbühne dem Ohr den allerprächtigsten Panoramablick. Selbst dort, wo in kräftigstem Forte jähe Klangmassen auf die Szene geworfen werden, stoßen wir an keinerlei Härten; im Piano und Pianissimo langen dagegen selbst zart instrumentierte Passagen mit der größten Klarheit und Tiefenschärfe beim Hörer an.
Die Chancen stehen also gar nicht so schlecht, dass sich neben dem „schwarzen Diamant“ auch das Opernhaus einen blumigen Ehrentitel erwirbt. Der Vorschlag des musikalischen Direktors Michael Schønwandt steht bereits. Er nennt das Haus seine „Stradivari-ber von zukünftigen Projekten und Regisseuren. Seine Helden heißen Peter Konwitschny (der auch die zweite Premiere, Strauss' Elektra inszenierte) oder David Alden. Besonders schwärmt er jedoch von der Studiobühne im hinteren Teil des Hauses: Die „variable Black Box mit guter Akustik“ erlöst die Königlichen Operisten nicht nur von Kindervorstellungen in miefigen Turnhallen, sondern soll auch ein Experimentierfeld für moderne Komponisten bieten. Das erste Debüt hat bereits Schlagzeilen gemacht: Elvis Costellos Andersen-Oper soll 2006 hier uraufgeführt werden.

Dänemarks musikalische Vergangenheit

Doch bei aller Zukunftsmusik: Ein wenig Zeit muss bleiben für die Reise in Dänemarks musikalische Vergangenheit. Auch die begann mit einem großartigen Versprechen: den 2500 Jahre alten Bronze-Luren. Zwar streiten sich die Experten noch, wie sie zu blasen seien, unstrittig ist jedoch, dass die Instrumente, von denen man einige Exemplare im Nationalmuseum bewundern kann, zu ihrer Zeit teuer wie Schlachtschiffe waren. Bescheidener kommt die 1617 aus Deutschland importierte Compenius-Orgel von Schloss Frederiksborg daher. Dabei widmete ihr bereits 1618 der Komponisten Michael Praetorius eine eingehende Beschreibung. Wer Glück hat, kann bei dem Besuch dieser wohl berühmtesten Orgel Skandinaviens auf Touristen wie Gustav Leonhardt treffen. Freunde der Alten Musik können auch das Musikhistorische Museum in der Stadtmitte besuchen, das in seinen historischen Räumlichkeiten regelmäßig Kammerkonzerte veranstaltet.
Aber auch auf dieses Erlebnis müssen wir für diesmal verzichten. Uns lockt zum Abschied eine andere historische Musikstätte. Es ist das alte Opernhaus, das nun ganz dem barocken und klassischen Opernrepertoire offen steht und vor allem dem Ballett zur Spielstätte dient. Natürlich legen die königlichen Theatermacher Wert darauf, dass auch hier jede Menge moderne Inszenierungen und Choreographien zu sehen sind. Wir nehmen es zur Kenntnis – und lassen uns doch vom biedermeierlichen Dänemark faszinieren.
Nirgendwo ist Kopenhagens goldene Biedermeierzeit so lebendig wie hier. Das Erlebnis beginnt mit den unbewachten Garderoben, wo man den Mantel noch im Vertrauen auf die Redlichkeit der Mitbürger selber an den Haken hängen kann, und führt weiter zu schweren Ölgemälden, die zu unserem Erstaunen noch gar nicht so lange verblichene Impresari und Ballerinen zeigen. Höhepunkt der Zeitreise ist eine Ballettaufführung nach dem legendären dänischen Choreographen August Bournonville, dessen 200ster Geburtstag übrigens vom 3. bis 11. Juni dieses Jahres mit einem eigenen Festival gefeiert wird. Kein Weltkrieg und keine Achtundsechziger haben die durchgehende Tradition seiner Handlungsballette unterbrechen können – nirgendwo auf der Welt kann man die Theaterkunst des frühen 19. Jahrhunderts so authentisch erleben wie hier. Kennzeichen dieser Kunst sind lebhafte Pantomimen, bunte Biedermeierkostüme, eine feinsinnige Anmut der Bewegung sowie ein angenehm unaggressives nationales Moment: Während wir sehen, wie der schmucke Leutnant Edouard den Kopenhagener Vorstadtschönen in dem Vaudevilleballett „Livjægerne på Amager“ mit selbst geschriebenen Melodien den Kopf verdreht, tönt aus dem Orchestergraben Musik nationaler Musikhelden wie Hans Christian Lumbye, dem „dänischen Johann Strauss“.
Bei so viel familiärer nationaler Wärme kann auch das Staatsoberhaupt nicht abseits stehen: Für das Ballet „Et Folkesagn“ nach Motiven von Hans Christian Andersen entwarf Königin Margrethe II. sogar höchstpersönlich das Bühnenbild. Und den Applaus dafür nahm sie auf der Bühne mit einem Knicks entgegen. Vielleicht ist die Königinnenloge wirklich nicht so wichtig.

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 2 / 2005



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