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Ganz typisch Granz

Eine neue, achtteilige DVD-Reihe belegt die hohe Professionalität der Beteiligten und die ungezwungene Atmosphäre der Jam Sessions im Montreux der 70er Jahre. Sie leben vor allem von dem, was man sehen, aber nicht hören kann.

Der Jazzfan kennt viele dieser Aufnahmen schon lange, und zwar aus Alben der Norman-Granz-eigenen Plattenmarke Pablo, ja er kann vielleicht manche lieb gewonnene Stelle mitsummen. Plötzlich sieht er erstmals die dazugehörigen Bilder, die er nie zuvor vermisst hat – ein eigenartiges Erlebnis. Die bunten Bilder können zwar den musikalischen Wert nicht erhöhen, aber den Unterhaltungs- und Erkenntniswert: Man kann Gesten und Mienenspiel entnehmen, wie die Musiker selbst auf das Gespielte reagieren und wie sie miteinander umgehen, wenn sie größtmögliche Freiheit haben. Norman Granz hatte in den 40er Jahren die Jam Session für das Konzertleben und den Plattenmarkt entdeckt. Er war der Faszination jener Musik erlegen, die Musiker nach Arbeitsschluss bis in die frühen Morgenstunden zu ihrem eigenen Vergnügen spielten, und zwar uneingeschränkt von jeglicher Bandzugehörigkeit, jedem orchestralen Arrangement und jeder Einflussnahme durch kommerzielle Erwägungen. So war aus den Jam Sessions, die experimentellen Charakter haben konnten, der moderne Jazz entstanden.
Granz hatte die Vision, dass in diesem nächtlichen Austausch und Kräftemessen der eigentliche Geist des Jazz wehte. Er rief das tourende Konzertunternehmen „Jazz At The Philharmonic“ ins Leben, die sich natürlich nicht nur der Jam Session verschrieben hatten, sondern dem Mainstream im besten und weitesten Sinne des Wortes. Schließlich wurde der vor drei Jahren verstorbene Granz, dem mit dieser CD-Edition ein würdiges Denkmal gesetzt wird, auch Manager von Persönlichkeiten wie Ella Fitzgerald und Oscar Peterson (beide auf den DVDs zu bestaunen), der vielleicht einflussreichste Nichtmusiker des Jazz, und zwar ironischerweise dadurch, dass er den Musikern weitgehende Freiheit gewährte.
Man kann nicht verhehlen, dass die Jam Sessions unter der „Verwaltung“ durch den verdienstvollen Granz einiges von ihrem spontanen und vieles von ihrem experimentellen Charakter verloren haben: Mit sicherer Hand wählte er unter den Größten des Jazz seine Lieblinge aus einer relativ überschaubaren Zahl Giganten aus, für die das Aufeinandertreffen dann doch zur Gewohnheit und Routine, zum Netz der Artisten wurde, zumal die Erwartungen des Publikums eben doch da waren. Und trotzdem gelangen Granz immer wieder durch Musikerkombinationen Überraschungen. So stand Oscar Peterson 1977 mit zwei (!) großen Bassisten auf der Bühne: Ray Browns berückend warmer Sound ist ebenso unerreicht wie Niels Pedersens wieselflinke Leichtigkeit, und so ging das Bassisten- Match unentschieden aus.
Genauer besehen schaffte die Routine erst die Grundlage für Überraschungen. Wenn man unfehlbare Rhythmusgruppen hat (das war bei Granz immer der Fall) und das Repertoire so gängig wie möglich ist, können Solisten dazukommen, die man sonst nie kombinieren würde, etwa bei der Count Basie Jam ’75. Da trifft Basie, der Meister im Weglassen mit dem großen Mut zur Pause auf Johnny Griffin, der viele Töne schneller aneinanderreiht als man mitzudenken vermag. Mit Pedersen und Jackson stehen ihm zwei fast ebenso eloquente Sprudler zur Seite, während der alternde Trompeter Roy Eldridge Sachwalter der Essentialität ist. Wäre es keine Session, dieser bunt zusammengewürfelte Haufen würde nie eine Band bilden. Und nun können wir beobachten, was passiert, wenn Wenigspieler und Vielspieler gegeneinander antreten und sich inspirieren. Basie spielt aufgekratzt und mehr als sonst. Der rasende Griffin verliert, wo er sich zu zähmen versucht, seine Wirkung, während Eldridge sich mehr als sonst auf wenige, gezielt platzierte Töne verlässt und diesmal am meisten Eindruck hinterlässt.
Es ist das große Verdienst Norman Granz’, in einer Zeit, als man sich fast nur für elektrischen Jazz interessierte, die großen alten, vorübergehend in ihrer Popularität zurückgetretenen Meister der Swing- und frühen Bop-Ära, darunter den im vorletzten Jahr verstorbenen Alt-Altmeister Benny Carter oder Mary Lou Williams, die wohl größte Jazzpianistin, in Wort und Bild festgehalten zu haben. Hoffen wir, dass bald mehr aus Granz’ Schatzkammer DVD-isiert wird.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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