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(c) Irène Zandel/Sony

Nils Mönkemeyer

Lust auf Romantik

Der Bratschist entdeckt mit Musikfreunden gemeinsam alte und neue Bearbeitungen bekannter Brahms-Klassiker.

Ich hatte mal wieder Lust auf Romantik“. So bringt Nils Mönkemeyer mit einem Augenzwinkern die Idee hinter seiner jüngsten CD-Einspielung auf den Punkt, die diesmal komplett der Musik von Johannes Brahms gewidmet ist. Namentlich den beiden Sonaten mit der Opuszahl 120, die für jeden Bratscher von Rang zum Standardrepertoire zählen und auch Nils Mönkemeyer bereits lange durch seine Karriere begleiten. Eine Zeitspanne, in der sich seine Sicht auf diese Kompositionen durchaus gewandelt hat. „Vielleicht muss man eben doch die 30 überquert haben, um Brahms wirklich zu verstehen. Er ist kein Hitzkopf, bei dem das Feuer schnell entfacht wird und im jugendlichen Überschwang ebenso schnell wieder verglüht. Er spricht wirklich über die Substanz der Dinge, und dafür muss man einfach auch ein bisschen gelebt haben, um es in seiner Gesamtheit zu erfassen.“ Interessant ist für den leidenschaftlichen Kammermusiker dabei vor allem das Spannungsfeld zwischen Emotion und Intellekt, in dem sich die Werke des Komponisten bewegen. „Brahms ist einerseits sehr traditionell, weil er nicht alles über Bord wirft und oft sehr formell bleibt. Die Idee der Romantik war ja, dass das Gefühl über der Form steht. Wenn Brahms eine Sonate schreibt, hält er sich stets an die Regeln, ohne dabei jedoch das Gefühl zu vernachlässigen. Da muss man den goldenen Schnitt finden zwischen Extravaganz und Strenge. Denn gerade bei den beiden Sonaten ist die Bogentechnik extrem wichtig. Dass man lange Linien spielen kann und den Klang nicht unterbricht.“

Die Intimität der Nahaufnahme

Die Gretchenfrage, ob hierfür Studioaufnahme oder Live-Mitschnitt der Vorzug zu geben ist, lässt sich für Mönkemeyer trotzdem nur schwer beantworten. „Wenn ich perfekte Nerven hätte, wäre ich ein großer Fan von Live- Aufnahmen. Ich mag sie bei anderen Musikern sehr gerne, nur selber bin ich dafür einfach oft zu sehr Perfektionist. Es kommt ja auch immer darauf an, wie das aufgenommen wird. Im Konzert spielt man für ein Publikum, das zum Teil 20 oder 30 Meter weit entfernt sitzt. Da muss man sich hin und wieder auch sehr deutlich ausdrücken und klar sagen, was man will. Und wenn das Radio- Mikro dann nur zehn Zentimeter entfernt steht, geht natürlich ein Teil dieser Fernwirkung verloren.“ Im Studio hingegen eröffnet gerade diese Nähe noch einmal neue Ausdrucksmöglichkeiten, die speziell einer intimen Form wie der Kammermusik überaus gut zu Gesicht stehen. „Natürlich gibt es viele Dinge, die am besten in der Spannung eines Konzerts funktionieren, im Austausch mit dem Publikum. Gleichzeitig schätze ich aber auch sehr diese andere Art der Konzentration, die man in einem Aufnahmestudio hat, wo es nichts Ablenkendes gibt und man sich ganz in die Musik versenken kann.“ Voll des Lobes ist er dabei auch über die Zusammenarbeit mit seinem Klavierpartner William Youn. „Wir kennen uns schon lange und spielen oft zusammen, das hilft natürlich auch bei Aufnahmen. Wo ich früher oft das Gefühl hatte, noch einen Durchlauf spielen zu müssen, ist es mit ihm vollkommen anders, weil er immer sehr konzentriert an die Dinge herangeht und diese Konzertspannung auch im Studio sofort herstellen kann.“

Ungarisch, nach neuem Rezept

Ergänzt werden die beiden großflächig angelegten Sonaten von Nils Mönkemeyer mit einer Auswahl von kleinen Stücken, die auch im normalen Konzertbetrieb gerne als virtuose Zugaben nachgereicht werden. Das Besondere an seiner Auswahl aus den populären „Ungarischen Tänzen“ ist hier jedoch die Form, in der sie präsentiert werden. Denn abgesehen von der berühmten Nr. 1 in g-Moll, die hier im Arrangement von Brahms’ Weggefährten Joseph Joachim erklingt, hat Mönkemeyer für die übrigen drei Tänze eigens neue Bearbeitungen in Auftrag gegeben, die nun als Ersteinspielung vorliegen. Jedes einzelne dieser Stück erhält dabei nicht zuletzt durch die unterschiedlich durchexerzierten Besetzungskombinationen mit Klavier und Streichquartett jeweils seine ganz eigene Farbe. „Natürlich gibt es die Fassung von Joseph Joachim, die man hätte verwenden können, oder die äußerst wirkungsvolle Version mit Orchester, die von unzähligen Geigern eingespielt worden ist. Aber ich fand es spannend, hier noch einmal etwas ganz Neues zu versuchen. Auch, weil ich unbedingt etwas mit dem Signum Quartett zusammen machen wollte. Nachdem ja die Sonaten genau wie Joachims Bearbeitung für Bratsche und Klavier sind, fand ich, dass das Streichquartett noch einmal ganz andere interessante Klangfarben mit einbringen würde.“ Farben, die vor allem im Vergleich zur teilweise sehr pastosen Orchesterfassung nun in ihrer Durchsichtigkeit die scheinbar so bekannten Brahms-Klassiker auf einmal in einem neuen Licht erstrahlen lassen. Auch wenn Mönkemeyer in der Vergangenheit bereits selbst Werke für sein Instrument arrangieret hat, wurde hier bewusst jede Komposition an einen anderen Bearbeiter vergeben. „Mir war es wichtig, für jedes Stück einen individuellen Klang zu finden. Wenn ich das selbst gemacht hätte, würde das ja alles auch nur nach mir klingen. Ich wollte zeigen, wie wandelbar die Form dieser Ungarischen Tänze ist, mit denen sich Brahms ja auch selbst immer wieder beschäftigt und sie neu bearbeitet hat. Und das sicher nicht nur des Geldes wegen, sondern auch, weil er diese Musik ganz offensichtlich sehr geliebt hat. Ich fand das eine sehr spannende Kombination mit den beiden späten Sonaten, die er ja zunächst gar nicht mehr schreiben wollte. Dann aber war er durch den Klarinettisten in Meiningen noch einmal so inspiriert, dass er doch noch diese unglaublichen Stücke komponiert hat, in denen auch viele Reminiszenzen an sein Leben anklingen.“

Neu erschienen:

Brahms

Violasonaten op. 120, Ungarische Tänze

Nils Mönkemeyer, William Youn, Signum Quartett

Sony


Klarinette mit Saiten

Die Sonaten Op. 120 zählen zu den beliebtesten Werken von Johannes Brahms für Bratsche. Ursprünglich entstanden sind beide Werke jedoch für die Besetzung Klarinette und Klavier. Brahms komponierte die Sonaten nach der Uraufführung seiner 4. Sinfonie durch das Meininger Hoforchester für dessen Soloklarinettisten Richard Mühlfeld, mit dem er sich angefreundet hatte. Die spätere Bearbeitung für Bratsche geht auf eine Anfrage von Brahms’ Verleger zurück. Ob der Komponist diese 1895 veröffentlichte Fassung komplett selbst erstellte oder lediglich letzte Hand anlegte, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung, mindert jedoch die Popularität der Werke in beiden Versionen keineswegs.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 4 / 2015



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