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(c) Stefan Wildhirt

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz

Auf preiswürdigem Wege

Die Staatsphilharmonie ist schon lange mehr als nur Botschafter für Rheinland-Pfalz. So wurde man gerade erst als „Orchester des Jahres“ mit einem ECHO Klassik ausgezeichnet.

Gidon Kremer, Fazıl Say, Jörg Widmann und Herbert Schuch – dies waren September 2015 die Zugpferde von „Modern Times“ und damit eines noch ganz jungen Festivals in Rheinland- Pfalz. Erst zum dritten Mal fand es statt. Doch wie bereits bei den beiden vorausgegangenen sorgte nicht nur die Klassikprominenz für sehr gut besuchte Konzertsäle in Ludwigshafen und Mannheim. Zusammen mit der von GMD Karl-Heinz Steffens geleiteten Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz präsentierte man Werke aus der klassischen und jüngeren Moderne, bei der musikalische Vision und Publikumswirksamkeit keinen Widerspruch bilden. So stand ein Violinkonzert vom Minimalisten Philip Glass genauso auf dem Programm wie Weltmusikalisches von Fazıl Say. Und in seiner Doppelfunktion aus Komponist und Klarinettist übernahm Widmann die Solostimme in seinen „Echo- Fragmenten“.
Nun würde man sich andernorts solch einen prominent besetzten Fokus auf die Moderne vielleicht als kleinen Luxus im Alltagsgeschäft gönnen. Besonders dann, wenn der Jahresetat des rund 90-köpfigen Orchesters sich auf knapp 10 Millionen Euro beläuft (im Vergleich: Die Berliner Philharmoniker hatten 2015 43 Millionen Euro zur Verfügung). Doch seit Karl-Heinz Steffens 2009 die Leitung der traditionsreichen Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz übernommen hat, weht nicht nur musikalisch ein frischer Wind auch durch die vom Orchester bespielte Rhein-Neckar-Region. Zusammen mit Michael Kaufmann, der 2011 die Intendanz der Staatsphilharmonie antrat, bildet Steffens eine verschworene Partnerschaft, die mit immer neuen Ansätzen und großem Engagement sich gegen musikalische Mainstream- Programme wendet. „Am Puls der Zeit sein, ohne sich einem Zeitgeist anzudienen“, lautet ein künstlerischer Leitsatz von Kaufmann, der zuvor Gründungsintendant der Essener Philharmonie gewesen ist und aktuell auch das Kurt Weill-Fest in Dessau leitet.
Wie facettenreich, avanciert und auch traditionsbezogen sich dank des Erfolgsduos Steffens/ Kaufmann das musikalische Leben entwickelt hat, bestätigt ein kurzer Blick auf die verschiedensten Aktivitäten der Staatsphilharmonie. „Modern Times“ etwa bilden mittlerweile den Startschuss für einen die gesamte Konzertsaison prägenden Dialog zwischen Gestern und Heute. So bildet 2015/16 Jörg Widmann mit eigenen Werken sowie als Interpret etwa von Klarinettenkonzerten Mozarts und Webers einen Schwerpunkt in den über 100 Konzerten der Staatsphilharmonie. Zudem ist der israelische Stargeiger Pinchas Zukerman „Artist in Residence“. Und während Steffens auch mit Werken von Mahler und Berg seinen drei Spielzeiten umfassenden Schubert- Zyklus abschließt, setzt er in den Domen von Mainz, Speyer und Trier die Aufführungsreihe sämtlicher Bruckner-Sinfonien fort.

„Rebellion im Quadrat“ und Konzerte für Babys

Hinzu kommt da auch noch die 2014 initiierte Konzertreihe „Rebellion im Quadrat“, in der Komponisten der klassischen Mannheimer und der neuen Karlsruher Schule rund um Wolfgang Rihm im Fokus stehen. „Unsere Programmpolitik spricht sich mittlerweile ja in ganz Europa herum und wird von vielen Musikmachern sogar beneidet“, so Steffens. „Es ist halt meine feste Überzeugung, dass ein modernes Orchester wie ein tolles, variables Museum sein muss: viele verschiedene Säle für Kunst aus so ziemlich allen Perioden der Geschichte, inklusive der Gegenwart. Nur, dass unsere Kunstwerke nicht an der Wand hängen, sondern in jedem Konzert immer aufs Neue zum Leben erweckt werden müssen.“
Diese Philosophie auf entsprechend hohem Niveau umzusetzen, ist Steffens und Kaufmann tatsächlich derart gut gelungen, dass eben nicht nur internationale Musikmanager nach Ludwigshafen schauen, wo die Staatsphilharmonie beheimatet ist. Das Orchester hat unter der Leitung des ehemaligen Klarinettisten bei den Berliner Philharmonikern einen immensen Qualitätssprung gemacht. Seine Klasse stellt man daher inzwischen auch mit Gastspielen etwa im Wiener Musikverein unter Beweis. Und für die Aufnahme von Orchesterwerken des undogmatischen Neue Musik- Schwergewichts Bernd Alois Zimmermann wurde man 2015 mit einem ECHO Klassik in der Kategorie „Orchester des Jahres“ belohnt.
Damit holte man sich im Jahresabstand bereits zum dritten Mal die begehrte Trophäe – nach dem „Preis für Nachwuchsförderung“ 2013, für die Education- Reihe „Leben mit Musik“, und 2014 in der Kategorie „Klassik für Kinder“. So bietet die von Michael Kaufmann besonders geförderte Reihe „Leben mit Musik“ Konzerte für Schwangere sowie für Babys und Kinder an. „In den vielfältigen Education-Aktivitäten der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz kommen jede Saison mehrere tausend Kinder verschiedener Altersgruppen – unabhängig vom Elternhaus, sozialer und nationaler Herkunft – mit der Musik in Kontakt“, so Kaufmann. Und auf der interaktiven Homepage www.jungeklassik. de kann man sogar spielerisch die einzelnen Orchesterinstrumente kennenlernen.
Die Zukunft der Klassik mag durchaus eine Frage des Geldes sein. Die Staatsphilharmonie und ihre Leitwölfe zeigen aber eben auch, dass sich mit klugen Ideen und spannenden Konzepten viel bewegen lässt.

www.staatsphilharmonie.de


Pinky!

„Jeder, der Geige spielt, sollte die Viola spielen – und umgekehrt.“ Dieser Meinung ist der israelische Stargeiger und aktuelle „Artist in Residence“ der Staatsphilharmonie, Pinchas „Pinky“ Zukerman. Und weil Zukerman diesen Worten seit seinem 15. Lebensjahr stets großartige Taten folgen lässt, übernimmt er nun den Solopart im Bratschenkonzert von Béla Bartók, das er schon 1979 mit Zubin Mehta für Schallplatte eingespielt hat. Bei den Konzerten in Ludwigshafen (9. & 10.3.), Heidelberg (11.3.) und Mainz (13.3.) steht Zukerman nun natürlich GMD Karl-Heinz Steffens zur Seite. Werke von Richard Strauss runden das Programm ab.


Reinhard Lemelle, RONDO Ausgabe 1 / 2016



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