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Concerto Köln (c) Harald Hoffmann

Pasticcio

Original-Wagner

2015 staunte die Wagner-Fangemeinde nicht schlecht, als ein ausgestorbenes Instrument plötzlich wieder das Licht der Welt erblickte. In Bayreuth präsentierte man nämlich stolz den Nachbau eines Gralslockenklaviers. Fast drei Meter hoch ist dieses sonderbare, eher an eine Harfe erinnernde Ding, bei dem über taudicke Saiten insgesamt vier Hämmer vier Glocken ertönen lassen. Und wer hatte es miterfunden? Wie so viele Instrumente geht auch dieses Gralsglockenklavier auf das Konto Richard Wagners. Denn wem musikalischen Visionen im Kopf rumspuckten, die nicht von dieser Welt waren, der reizte nicht nur die vorhandenen Mittel und Register aus (Stichwort: 18 Ambosse kommen im „Rheingold“ zum Einsatz!). Wagner war mit seinen Extrawürsten bei Instrumentenbauern aller Art ein gern gesehener Kunde (Stichwort: Kontrabassposaune). Um den Wagnerschen Instrumentenpark mit all seinen Sondermodellen wird es nun ab sofort auch beim gerade der Öffentlichkeit vorgestellten Projekt „Wagner-Lesarten“ gehen. Schließlich soll am Ende Wagners „Ring des Nibelungen“ in historischer Aufführungspraxis erklingen. Ab der Spielzeit 2020/21 soll es dann losgehen. Für den amerikanischen Stardirigenten Kent Nagano und das auf Darmsaiten & Co. spezialisierte Ensemble Concerto Köln. Bis dahin steht aber noch reichlich Forschungsarbeit ins Haus. Und um den Originalklang so authentisch wie möglich zu rekonstruieren, wird sich auch ein Team aus Wagner-Spezialisten mit der Instrumental- und Gesangs- bzw. Sprachpraxis der Wagner-Zeit auseinandersetzen.
„Richard Wagners ‚Der Ring des Nibelungen‘ ist wahrscheinlich eine der am meisten erforschten Kompositionen, gleichwohl eine systematische Annäherung an die Tetralogie aus historisch informiertem Blickwinkel noch nicht erfolgt ist“, so Kent Nagano zu diesem Unternehmen. „Umso wichtiger ist es, dass man eine solche Aufgabe angeht und nun auch im romantischen Repertoire Hörgewohnheiten in Frage stellt, die bisher unumstößlich schienen.“ Gelungene Beispiele für die Wagner-Pflege nach den Maßstäben der historischen Aufführungspraxis gibt es immerhin bereits. Simon Rattle führte schon 2004 in Baden-Baden „Rheingold“ mit dem auf Originalinstrumenten spielenden Orchestra of the Age of Enlightenment auf. Und für ein großes Medienecho sorgte Thomas Hengelbrock 2014 mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble, als man in Dortmund den „Parsifal“ präsentierte. Nun also stellen sich Nagano und die fantastischen Kölner Originalklang-Musikanten von Concerto Köln der ultimativen Wagner-Herausforderung, um damit, so der offizielle Wortlaut, „auch der internationalen Opernszene neue Impulse für historisch informierte Annäherungen an musiktheatrale Werke des 19. Jahrhunderts zu geben.“ Und wer weiß, welche merkwürdigen Klangerzeuger nach jahrhundertelangem Dornröschenschlaf dabei wieder wachgeküsst werden.

Guido Fischer



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