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Nur Dialekte der einen Musik: Michael Gielen (c) Wolfram Lamparter

Pasticcio

Ein Zeitgenosse

Selbstverständlich konnte er nicht ruhig dabei zugucken, wie an der Existenz seines Orchesters gesägt wurde. 2013 protestierte Michael Gielen daher auch über eine Unterschriftenaktion gegen die Pläne, das von ihm 13 Jahre lang hauptamtlich geleitete SWF Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zu zerschlagen und es mit einem anderen Rundfunkorchester zu fusionieren. Doch so sehr Gielens Name bis dahin Gewicht in der Musikbranche hatte und sein Einfluss groß gewesen war - diesmal musste er wie viele namhafte Unterstützer eine Niederlage einstecken und das Ende einer Orchesterära betrauern. Vor dem endgültigen Aus konnte sich der damals 87-jährige Ehrendirigent des SWF Sinfonieorchesters noch von seinem Klangkörper verabschieden. Im Januar 2014 und damit in jenem Jahr, als Gielen aus gesundheitlichen Gründen seine Dirigentenkarriere beenden musste, gab man zusammen noch drei Konzerte in Koblenz, Freiburg und Bregenz. Auf dem Programm stand u.a. Strawinskis letztes Orchesterwerk „Variations (Aldous Huxley in Memoriam)“, das man kurz darauf auch im Studio aufnahm. Die Einspielung dieses faszinierend spinnenwebartig daherkommenden Zwölftonstücks ist nun im Rahmen der editorisch und künstlerisch ungemein beeindruckenden „Michael Gielen-Edition“ erstmals auf CD erschienen. Zudem findet sich in der den Komponisten Bartók und Strawinski gewidmeten 6-CD-Box (Vol. 5, SWR Classic/Naxos SWR19023CD) der Live-Mitschnitt einer kurzen Einführung Gielens zu diesem Werk. Und in den noch nicht einmal drei Minuten schafft es Gielen hörbar, das Publikum auf diese komplexe Moderne neugierig zu machen.
Die Musik des 20. Jahrhunderts war eben von jeher ein absolutes Steckenpferd von Gielen. Schon als Anfang Zwanziger hatte der gebürtige Dresdner das komplette Klavierwerk von Schönberg gespielt. Und Neue-Musik-Geschichte sollte er 1965 schreiben, als er in Köln Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ uraufführte. Trotzdem empfand sich Gielen nie ausschließlich als Experte fürs Zeitgenössische etwa eines Stockhausen oder Ligeti. Bach und Verdi, Gluck und Mozart, Beethoven und Mahler wurden im Laufe seiner 60-jährigen Dirigentenkarriere zu ebenso wichtigen Pfeilern seines Denkens und Musizierens. Schubladen kennt er nicht, wie er einmal kategorisch klargestellt hat: „Als ob das verschiedene Dinge wären, Beethoven und Schönberg. Das ist die eine Musik in verschiedenen Sprachen, in verschiedenen Dialekten.“
Die unterschiedlichsten musikalischen Klangdialekte sollte der hochtalentierte Glückspilz Gielen schon in Buenos Aires kennenlernen, wohin seine Eltern vor den Nazis geflohen waren. Er assistierte Wilhelm Furtwängler bei Bachs „Matthäuspassion“ und lernte als Korrepetitor am Teatro Colón die Größten ihrer Zeit von Toscanini bis Erich Kleiber kennen. Zurück in Europa, wurde Gielen nicht nur ein gefragter Konzertdirigent. Auch als Bühnenmensch schrieb er am wohl wichtigsten Kapitel des bundesrepublikanischen Musiktheaters mit. An der Frankfurter Oper bildete er nämlich ab 1977 mit Dramaturg Klaus Zehelein ein sagenumwobenes Duo, das mit Regisseuren wie Hans Neuenfels und Ruth Berghaus die alten Klassiker entstaubte und aktualisierte. Doch auch im Konzertbetrieb sorgte Gielen stets für neuen Schwung und neue Konzepte. So war er es, der unterschiedlichste Werke nicht einfach gegenüberstellte, sondern sie – wie im Fall etwa von Beethovens Neunter mit Schönbergs „Überlebendem aus Warschau“ – auf- und anregend neu miteinander verklammerte.
Am 20. Juli hat Michael Gielen nun seinen 90. Geburtstag gefeiert. Über die Gewissheit, dass er nie wieder ans Pult zurückkehren wird, tröstet nun wenigstens die voller Referenzaufnahmen und Erstveröffentlichungen steckende „Michael Gielen-Edition“ hinweg.

Guido Fischer



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