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(c) Harald Hoffmann/DG

Seong-Jin Cho

Zarte Saiten

Nein, kein gedrillter Wettbewerbsgewinner aus Asien: Der Koreaner punktet auf seinem neuen Debussy-Album mit viel Seele.

Chopin-Gewinner Warschau 2015, dann – da gibt es doch einen Vertrag? – von einem großen Label verpflichtet, ein Asiate, Koreaner genau gesagt, der im heimischen Markt wie eine Rakete abgeht. Der Vorurteile sind viele, um sich Seong-Jin Cho vielleicht erst einmal nicht anhören zu wollen. Wieder so ein gedrilltes Geschöpf, könnte man denken, technisch super, aber hat wahrscheinlich musikalisch nicht viel zu sagen. Sein erstes Album, natürlich Chopins 1. Klavierkonzert und die vier Balladen, überzeugte nicht jeden. Technisch sauber, aber ohne viel Gefühl.
Ein Jahr später hat sich das Blatt künstlerisch deutlich gewendet. Seong-Jin Cho machte nicht die übliche Konzerttournee-Pflichtrunde eines Preisträgers. In New York durfte er beispielsweise gleich in die Carnegie Hall, wo er bereits wieder eingeladen wurde, wie er im Interview stolz erzählt. Wobei er natürlich von asiatischer Zurückhaltung geprägt ist, aber so ab und an blitzt dann doch der Schalk bei dem erst 23-Jährigen durch. Der gerade einmal mit 18 Jahren entschieden hat, nach Europa zu ziehen, nach Paris im Besonderen. „Hier durfte ich noch bei Michel Béroff studieren“, erzählt er, „ich wollte aber unbedingt hierher, weil man in der neuen Philharmonie und an vielen anderen Orten so viel Musik hören kann. Ich hatte auch eine Jahreskarte für das Musée d’Orsay und die Orangerie, wo ich viel Zeit verbracht habe. Auch mein Französisch ist inzwischen ganz leidlich.“
Das Intermezzo an der Seine ist schon Vergangenheit. Seit kurzem wohnt Seong-Jin Cho in Berlin, will auch hier natürlich den vielen Orchestern nahe sein, eine andere Metropole kennenlernen, sich mit der Sprache vertraut machen. Man meint, seinem Klavierspiel diese wachsende Reife auch schon anzuhören. „Außerdem esse ich, man sieht es mir zum Glück nicht an, sehr gerne und unterschiedlich. Ich habe einen Lieblings-Barbecue-Koreaner in Kreuzberg, probiere auch sonst viel aus.“ Das gilt auch für sein Repertoire. Soeben hat er mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle debütiert und ist auf Asientournee gegangen. Das freilich fügte sich deshalb so rasant, weil Lang Lang krankheitsbedingt pausieren muss. Cho wurde als Einspringer akzeptiert (was im fernen Osten gut kommt) und teilt sich die Tour mit Yuja Wang.
Wang, die anfangs durch ihre Turbotastentricks und Minikleidchen abzulenken verstand, entwickelt sich zusehends und beharrlich zu einer Künstlerin mit Tiefgang. Ähnliches lässt sich bereits jetzt über die Fortschritte von Seong-Jin Cho sagen. Das konnte man nicht nur beim begeistert aufgenommenen Berliner Debüt im November hören, wo er dem auf Tournee-Glanz und Dauerfortissimo eingestellten Orchester durchaus auch leisere Begleittöne und assistierende Sensibilität abzutrotzen wusste. Maurice Ravels G-Dur-Konzert spielt er mit leichter, jazzflexibler Hand, aber auch mit viel Seele, sich im langsamen Satz ganz auf die Kraft der lange Zeit solistisch vorgetragenen Melodie verlassend. In der Zugabe, den „Reflets dans l’eau“ aus Debussys „Images“, zwang er zum konzentrierten Zuhören.

Aus-Bildung

Überhaupt Debussy! „Meine große Liebe“, gesteht Seong-Jin Cho ohne Umschweife. „Ihn habe ich schon als Elfjähriger gespielt, man lernt dabei so viel über Klang und fließenden Rhythmus, auch wenn die Durchdringung der Inhalte später kommt. Eigentlich wollte ich diese CD, die beiden ‚Images‘-Bücher und ein paar andere Kleinigkeiten als erstes aufnehmen, dann forderte der Chopin-Wettbewerb seinen Tribut. Ich bin unendlich dankbar für diese Gelegenheit, hoffe aber, dass ich mich inzwischen von dem Preisträger-Image emanzipieren konnte, dass man mich als Künstler ernst nimmt.“ Deswegen wird als nächstes Aufnahmeprojekt auch eine andere, schon viel ältere Idee folgen: Seong-Jin Cho will sich intensiv mit Mozart beschäftigen. „Das fällt mir jetzt natürlich etwas leichter, da ich doch um einiges verwurzelter in der europäischen Kultur bin.“
Zudem hat er sich einige interessante Mentoren gesucht, die allesamt nicht zu den einfachsten Partnern gehören. So wird er diese Saison auch noch mit Gidon Kremer Kammermusik im Trio machen. Im Berliner Konzert saß außerdem, quasi als wohlwollender „Spion“, der Vater von Bariton Matthias Goerne. Der ist dauernd interessiert an neuen, jüngeren Liedbegleitern. Nach dem positiven Experiment mit Daniil Trifonov soll nun ein Schubert- Liedprogramm mit Seong-Jin Cho folgen: „Goerne und ich wurden uns in Berlin vorgestellt, und schon ein paar Tage später hat er angerufen.“ Ja, der Pianist weiß um die durchaus auch fordernde Seite des renommierten Baritons. „Aber das schreckt mich nicht. Ich werde auf jeden Fall von seiner großen Erfahrung profitieren können. Und hoffentlich kann ich ihm auch etwas geben“, ergänzt ein deutlich an Selbstbewusstsein gewinnender Cho.
Hat ihn der Hype um seine Person, der im klassikverrückten Südkorea fast automatisch einsetzt, so stark gemacht? „Da habe ich mich eher durchgeduckt“, gesteht er, „und bin wie ein Rockstar in Seoul mit Basecap und Sonnenbrille auf die Straße. Doch die Fans sind dort auch sehr vergesslich. Es hat sich schon wieder gegeben.“

Neu erschienen:

Claude Debussy

Images Bd. 1 & 2, Children’s Corner, Suite bergamasque, L’isle joyeuse

Seong-Jin Cho

DG/Universal


Der Dichter spricht

Bei der neuen CD ist es deutlich spürbar: Das Spiel des 1994 in Seoul geborenen Seong-Jin Cho besticht nicht allein durch seine erstaunliche Virtuosität. Was hinzukommt, ist eine bewundernswerte poetische Reife, ein untrügliches Gespür für Stimmungen und Klangnuancen. Ein empfindsamer Anfänger, der intuitiv vieles richtig macht. Man denkt durchaus an Dinu Lipatti oder Arturo Benedetti Michelangeli, hört man in den beiden „Images“-Folgen die subtile Anschlagskunst und die Rubati, die diese Musik organisch atmen und pulsieren lassen. Dazu gesellt sich ein feines Spiel mit Farben und Schattierungen. Und bezaubernd evoziert Cho die Kinderwelten des „Children’s Corner“.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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