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Lang Lang

Superstar der Selbstvermarktung

Da treffen zwei aufeinander: Lang Lang spielt Liszt. Technisch stellen die einst sagenumwobenen Fingerbrecher des Ungarn für den Chinesen keine Herausforderung dar. Und was die Selbstvermarktung angeht, da scheint Liszt in Lang Lang seinen einzig wahren Adepten gefunden zu haben. Doch versteht es der heutige Superstar Lang, den Kompositionen des seinerzeit als Virtuosen gefeierten Liszt auch eine Seele zu geben? Dagmar Leischow hat bei einem Interview mit dem chinesischen Pianisten in Salzburg Maß genommen.

Wenn von seinem Idol Franz Liszt die Rede ist, gerät der chinesische Pianist Lang Lang richtig ins Schwärmen. Vergessen sind die distanziert-professionellen Phrasen, die er sonst in Interviews abzuspulen pflegt. Es scheint, als kämen Sätze wie »Liszt hat das Klavierspielen neu definiert.« wirklich von Herzen. Dieser Komponist, doziert er, sei wie ein charismatischer Rockstar gewesen: »Seine Zeitgenossen haben ihn als gigantische One-Man-Show empfunden, denke ich.«
Ähnliches ließe sich auch über Lang Lang selbst sagen, der längst nicht mehr allein als Künstler vermarktet wird, sondern als Musiker mit Entertainerqualitäten. Er kriegt lukrative Werbeverträge angeboten, tritt bei »Wetten, dass…?« auf, im Weißen Haus oder bei den Olympischen Spielen. Womöglich wird es eines Tages sogar einen Film über ihn geben, angelehnt an Ken Russels Streifen »Lisztomanie« aus den 70er Jahren. Eine Idee, die der 29-Jährige eher irritierend findet: »Liszt war ein Jahrhundertgenie. Ohne Zweifel werde ich mich nie mit ihm messen können.«
Man hört ihn viel von der Lisztschen Genialität sprechen. Als Pianist, Komponist und Dirigent sei dieser gleichermaßen begnadet gewesen: »So talentiert bin ich leider nicht.« Gut, komponiert hat er auch schon, in bescheidenerem Maße natürlich: »Meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet lassen sich mit meinem Talent beim Tischtennis messen: Sie sind okay, mehr nicht.« Und wie sieht es mit dem Dirigieren aus? Ein Studium in dieser Richtung hätte Lang Lang durchaus gereizt. Einziges Problem: Er hatte so gar keine Zeit dafür – »Das Klavierspielen hat mich schon genug gefordert.«
Tatsächlich war er ein typisches Wunderkind. Wie Liszt. Beide wurden von ihren tyrannisch- überehrgeizigen Vätern zu permanenten Höchstleistungen angetrieben. Ständig standen sie unter Leistungsdruck, ihr Leben war geprägt von harter Arbeit. Lang Langs Vater wollte seinen Sohn sogar umbringen, als dieser seine Erwartungen nicht erfüllen konnte. So schildert es der Pianist jedenfalls in seiner Autobiografie. Jetzt tut er so, als würde ihm das nichts mehr ausmachen, und sagt ganz trocken: »Die bösen Geschichten aus meiner Vergangenheit habe ich längst verdrängt. Ich lasse nur die schönen Erinnerungen zu.«
Trotzdem fragt man sich: Wieso hat Lang nie rebelliert? »Weil ich Musik abgöttisch liebe«, antwortet er und klingt so, als dulde er da keinen Widerspruch. Womöglich hätte Liszt diese Aussage auch für sich gelten lassen. Jedoch fand er eine Möglichkeit, seinen Beruf und Privates aufs Angenehmste zu verbinden. Zahlreiche Affären soll der Abbé gehabt haben, heißt es. Lang Lang indes ist kein Frauenheld, er reist meist mit seiner Mutter. Sie hat ihn nach Salzburg begleitet, wo er Liszts erstes Klavierkonzert spielen wird. Er nahm es für seine CD »Liszt: My Piano Hero« auf, mit anderen Werken seines Lieblingskomponisten. Bei temporeichen Stücken wie »La campella« nutzt er die Gelegenheit, seine ungeheure Schnelligkeit vorzuführen. Wenn es aber ruhiger wird, bleibt die Emotionalität im ungewissen Halbdunkel.
Dabei versichert Lang Lang, er würde jedes Liszt- Werk extrem langsam einstudieren, quasi im Zeitlupentempo. Während er das erzählt, wirft er Kieselsteinchen in den Garten hinter der Villa Emslieb. Auch mit 29 wirkt er fast noch ein bisschen kindlich. Ab und zu nippt er an seiner Cola, sonst redet er mit ausladenden Gesten. Wie ein auf Effekt getrimmter Alleinunterhalter. Je länger man ihn beobachtet, desto undenkbarer erscheint es, dass der brave Lang Lang mit dem wilden Liszt auf einer Wellenlänge gelegen hätte. Doch Zweifel diesbezüglich wischt er beiseite und malt sich ein Treffen in den schönsten Farben aus: »Ich hätte Lust, bei Liszt eine Klavierstunde zu nehmen. Alles Weitere würde sich dann von selbst ergeben.«

Franz Liszt

My Piano Hero

Lang Lang, Wiener Philharmoniker, Valery Gergiev

Sony

Dagmar Leischow, RONDO Ausgabe 5 / 2011



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