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Vokal total

Der Bayerische Rundfunk hat vor einigen Monaten begonnen, die Vokalschätze der Münchner Sonntagskonzerte auf seinem hauseigenen Label zu bergen. Nach Mirella Freni, Margaret Price und Nicolai Ghiaurov ist jetzt die Reihe an Lucia Popp gekommen. Die Slowakin ist mit Ausschnitten aus den Jahren 1968–1982 vertreten, die ihre enorme Vielfältigkeit demonstrieren. Ob Mozart (einer ihrer Hausgötter) oder Donizetti, Händel oder Weber – sie war überall zu Hause. Operetten hat sie mit hinreißender Eleganz und einer Portion Schmäh serviert. Auch über einige Trouvaillen darf man sich freuen: Die Ausschnitte aus dem »Barbier von Sevilla«, dem »Freischütz« und Lortzings »Undine « dürften selbst viele Sammler noch nicht kennen. Doch im Grunde spielt das Repertoire bei Lucia Popp kaum eine Rolle: Ihr silbern schimmernder Sopran mit der – eigentlich Tenören vorbehaltenen – Träne in der Stimme berührt einen stets (und immer wieder von neuem), zu einer solch seelenvollen Innigkeit war und ist kaum eine andere Sängerin in der Lage. (BR Klassik/Naxos 900306)

Die singende Seele sucht man bei Chen Reiss vergeblich, Ausdrucksintensität zählt nicht zu ihren Stärken. Ihre technische Meisterschaft in Arien von Mozart, Haydn, Salieri und Cimarosa ist allerdings bewundernswert. Klar wie ein Gebirgsbach begeistert ihr Sopran mit gestochenen Koloraturen und einer mühelosen hohen und höchsten Lage. Hochvirtuoses pfeffert die Amerikanerin mit Aplomb hin, wirkt dabei überhaupt nicht mechanisch, sondern scheint vielmehr ihren Spaß daran zu haben. In lyrischen Stücken wie Susannas Rosenarie hingegen überzeugt sie weniger, das ist so makellos, dass es einfach nur fad ist. (Onyx/Codaex 4068)

Barocke Raritäten präsentiert Daniela Barcellona, die sich vor allem als Rossini- Interpretin einen Namen gemacht hat: 18 Arien aus sechs Scarlatti-Opern mitsamt den dazugehörigen Sinfonie finden sich auf ihrem Recital, mit Ausnahme von »Griselda« durchweg Ersteinspielungen. Daniela Barcellona bereiten sie keine Mühen, ihr Mezzo ist gut durchgebildet, besitzt eine sicher ansprechende Höhe und durch ihre intensive Auseinandersetzung mit Rossini zudem eine generelle Beweglichkeit und Geläufigkeit. Gleichwohl ist gelegentlich nicht zu überhören, dass extreme Barockkoloraturen noch einmal eine andere Sache sind. Bei aller Entdeckerfreude wirkt das Album am Stück genossen dennoch etwas eintönig, weil die Sängerin keine große Koloristin und imaginative Gestalterin ist, sich vielmehr auf eine Art Einheitserregtheit stützt. (deutsche harmonia mundi/Sony 88697 842162)

Wer sich zwischen hoch und tief nicht entscheiden will, bekommt auf »Streams Of Pleasure« beides geboten: Sopranistin Karina Gauvin und Altistin Marie- Nicole Lemieux haben sich zu einem Händel-Programm mit Arien und Duetten aus dessen Oratorien zusammengefunden. Die Stimmen der beiden Kanadierinnen harmonieren ganz wunderbar, ohne miteinander zu verschmelzen. Karina Gauvin, die ihren aparten Sopran mühelos und stilsicher beherrscht, ist ihrer Landsfrau eine absolut souveräne Partnerin. Marie- Nicole Lemieux singt herrlich entspannt, kann sich auf ihre unangestrengte Höhe verlassen, setzt auch lange Koloraturreihen ruhig an und produziert sie völlig ebenmäßig. Manchmal aber will sie zu viel, dann packt sie eine Extraportion Expressivität drauf, was unnötig ist, weil sie ohnehin eine intensive Gestalterin ist. In diesen (glücklicherweise nicht allzu zahlreichen) Phrasen übt sie dann auch vor allem in der Tiefe zu viel Druck aus. Ansonsten aber eine höchst erfreuliche Scheibe. (naïve/ Indigo 961092)

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 5 / 2011



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