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Musikstadt

Lyon: Vergesst Paris

Frankreich ist ein Wasserkopf, und alle Wege führen nach Paris, vor allem im Musikleben. Doch haben die anderen großen Städte, einst triste Ballungszentren, inzwischen gelernt und aufgeholt. Und während in Paris das klassische Musikleben traditionell todernst ausgefochten wird, zeigt die drittgrößte Stadt des Landes, Lyon, wie Opern- und Konzertbetrieb im 21. Jahrhundert funktionieren kann: neugierig, offen und in der Stadt verankert. Jörg Königsdorf hat sich für RONDO in der Stadt an der Rhone umgeschaut.

Eine halbe Stunde vor Aufführungsbeginn drehen die Jungs noch mal richtig auf. Kopfpirouetten, Luftsprünge und die eckigen Breakdance-Moves in Schwindel erregendem Tempo – die Show, die die bunte Teenager-Clique in ihren schlabbrigen Jogginghosen allabendlich direkt neben dem Eingang zu Lyons Opernhaus bietet, kann sich sehen lassen. Und auch wenn die harten Technosounds aus dem Ghetto-Blaster, die das Spektakel begleiten, eigentlich eher das Gegenteil von klassischer Musik markieren, lernt man genau hier, was die Klassikstadt Lyon so besonders macht. Denn während anderswo vermutlich sofort die Polizei angerückt wäre und den Kids eine Anzeige wegen Ordnungswidrigkeit verpasst hätte, ist in Lyon genau das Gegenteil passiert. Als die Leitung des Opernhauses auf die Breakdancer aufmerksam wurde, schickte sie kurzerhand einen Choreografen, der mit den Jugendlichen ein Stück erarbeitete. Und seit die Pokemon Dancers, wie sich die Truppe seither nennt, ihren Auftritt auf der Studiobühne des Opernhauses hatten, gehören sie mit dazu – sozusagen als kostenlose Vorgruppe zu Tristan, Lulu und Zauberflöte.
Die Oper als offenes Haus für alle Bevölkerungsschichten – wohl nirgendwo wird dieses Ziel, das inzwischen alle großen Bühnen mehr oder weniger umtreibt, so konsequent umgesetzt wie in Lyon. Und nirgends ist Oper so jung wie hier. Mehr als die Hälfte der Besucher ist unter 45, ein Viertel sogar unter 25, und selbst bei einer Verdi-Premiere ähnelt die Stimmung eher einem Popkonzert.
Klassik als Trendkultur – wer Lyon nur vom Hörensagen kennt, würde nicht erwarten, das ausgerechnet hier zu erleben. Denn lange war die Stadt am Zusammenfluss von Rhone und Saone nur der Inbegriff bürgerlicher Wohlanständigkeit: bekannt für Haute Cuisine und Wurstware, Pharmakonzerne und Großbanken, aber in puncto Hochkultur eher eine Leerstelle. Was natürlich vor allem daran liegt, dass die Kreativen des Landes immer gen Paris strebten – Lyon ging es da nicht anders als Bordeaux oder Marseille.
Langsam aber spricht sich herum, dass sich Frankreichs drittgrößte Stadt in den letzten zwei Jahrzehnten massiv verändert hat. Der umtriebige Bürgermeister hat das Rhoneufer zu einer großzügigen Freizeitzone umgestalten lassen, die Altstadt mit ihren herrlichen Renaissance-Ensembles und klassizistischen Prachtstraßen ist liebevoll restauriert, und die vielen jungen Leute, die bis spät in die Nacht hinein auf den Boulevards flanieren, zeigen, dass die Stadt inzwischen auch für Menschen unter dreißig eine echte Alternative zum stressigen Paris darstellt. In gewisser Weise ist die Oper das Symbol dieses jungen Lyon, denn schon der Bau direkt gegenüber dem Rathaus an der belebten Place des Terreaux steht für diese glückliche Symbiose aus Alt und Neu.
Das hoch aufragende Tonnendach, das Frankreichs Stararchitekt Jean Nouvel dem historischen Bau bei der Grundrenovierung 1989 verpasste, ist längst zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. Darüber hinaus aber beherbergt der markante Bau auch eine der jüngsten Opern Europas: Erst 1983 entschloss sich die Stadt zur Gründung eines regulären Opernbetriebs mit eigenem Ensemble und Orchester. Mit John Eliot Gardiner als erstem Chefdirigenten tat man einen goldenen Griff, mit seinem Nachfolger Kent Nagano ebenso: Aufnahmen wie Chabriers »L’etoile«, Poulencs »Carmélites « und Prokofjews »Trois oranges« erinnern noch immer an die Repertoire- Impulse, die alsbald von Lyon in die Opernwelt hinausgingen.
Dass Lyon in den letzten Jahren wieder an diese goldenen Gründerjahre anknüpfen konnte, ist allerdings vor allem das Verdienst eines Mannes: Er heißt Serge Dorny und brachte nicht nur künstlerisches Knowhow, sondern eine ganze Menge neuer Ideen mit, als er vor acht Jahren die Intendanz des Opernhauses übernahm. Beharrlich hat der Flame hier an seiner Idee einer Oper für alle gearbeitet: Im letzten Jahr ließ er beispielsweise mit 500 Bewohnern aus einem Lyoner Prekariatsviertel eine Oper schreiben, die auf der großen Bühne uraufgeführt wurde. Dann ist da eine von ihm gegründete Stiftung, die Kinder aus Problemfamilien mit Instrumenten und Essen versorgt. Und dann ist da nicht zuletzt eine radikale Preispolitik, die dafür sorgt, dass sich jeder den Opernbesuch leisten kann – wer will, kommt in Lyon schon für fünf Euro rein und die Auslastung von 97 Prozent zeigt, dass das Angebot auch wahrgenommen wird. Das funktioniert allerdings nur, weil hier auch erstklassiges Musiktheater geboten wird. Zum Beispiel der Tschaikowsky-Zyklus von Regielegende Peter Stein, Mozart mit William Christie oder gerade erst ein spektakulärer »Tristan« mit den Fura dels Baus und Münchens neuem Opernchef Kirill Petrenko am Pult.
Mit dem Besuchermagneten Opernhaus mitzuhalten, ist für Lyons Maurice- Ravel-Auditorium nicht einfach, zumal die zweite große Klassikinstitution mit einem erheblichen Standortnachteil klarkommen muss. Während die Oper mitten im Zentrum der Stadt residiert und es sozusagen mitdefiniert, liegt der Konzertsaal der Stadt abseits der Flaniermeilen in einem protzigen Siebziger-Jahre-Komplex, der an das Londoner Barbican Center erinnert.
Auf den ersten Blick wirkt der Betonklotz eher wie ein Raumschiff – ein Fremdkörper, der vom Himmel direkt in die zweitgrößte Geschäfts- und Einkaufszone Frankreichs geplumpst ist. Hat man sich allerdings erstmal an die Sichtbeton-Orgien im Foyer gewöhnt, überzeugen die Vorteile des Baus. Die großzügigen Platzverhältnisse, die gute Sicht aufs Podium, und natürlich vor allem eine sehr gute Akustik – die Lyoner jedenfalls haben den Koloss angenommen, die mehr als 13.000 Abonnenten für die Konzertserien sprechen für sich.
Freilich weiß man auch hier, dass es nicht reicht, nur Sinfoniekonzerte anzubieten und hat das zwar nicht gerade malerische, aber stark frequentierte Umfeld des Baus als Chance begriffen. Auch dank diverser Extraserien ist hier eigentlich immer etwas los. Während tagsüber die Angestellten der benachbarten Bürotürme mit kurzen Lunch- und Espresso- Konzerten versorgt werden, wird das vorgelagerte Amphitheater in den hier schon südlich warmen Nächten für Jazz und Crossover genutzt – die Strategie, das Haus zu öffnen, hat nicht nur in der Oper, sondern auch hier gegriffen.
Den Hauptanteil der Veranstaltungen macht natürlich dennoch der reguläre Konzertbetrieb aus, der vor allem vom Orchestre National de Lyon bestritten wird. Seit 1905 existiert dieser Klangkörper und hat sich mit Chefdirigenten wie Serge Baudo und Emmanuel Krivine einen guten Ruf vor allem im französischen Repertoire erarbeitet. Auch unter seinem letzten Chef, dem Münchner Jun Märkl, haben sich die Musiker vor allem mit Debussy, Ravel und Co profiliert und unter anderem eine Gesamtaufnahme der Orchesterwerke Debussys vorgelegt. Ab dieser Spielzeit soll nun US-Altmaestro Leonard Slatkin neue Akzente setzen, vor allem mit Musik des 20. Jahrhunderts, heißt es. Und es schadet sicher nichts, wenn er dazu auch ein paar Breakdancer einlädt.


www.opera-lyon.com, www.auditoriumlyon.com


Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 5 / 2011



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