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Klavierklassiker

Kulturanschlag auf die Anschlagskultur

Es ist eine diskografische Großtat – endlich liegt das ›Frühwerk’ der vor einem Jahr verstorbenen Pianistin Alicia de Larrocha geschlossen vor: Ein gültiges Panorama des spanischen Repertoires unter einem blendend hellen Himmel, motorisch entfesselt und gleißend transparent. Ihre erste »Iberia« weiß noch nichts von den orchestralen Farben der späteren Versionen, in der »Triana« oder »Málaga« regieren die aggressiven rhythmischen Energien. Referenzaufnahmen der Sanlucar- Sonate von Turina oder der »Danzas españolas« von Granados gleichen Schwarzweißaufnahmen voll harter Kontraste. Einzig seine »Goyescas« entziehen sich dieser Perspektive; erst in einer späteren, nuancenreicheren Phase ihrer Karriere konnte sie diese dunkle Tragödie vollkommen nacherzählen. (EMI 629 4862 – 8 CDs)

De Larrochas Interpretationen waren perfekt ausgehärtet, Edwin Fischer aber folgt man in ein Laboratorium des musikalischen Nachdenkens. Manches ist wunderbar vollendet wie Bachs »Wohltemperiertes Klavier«, anderes, weniger Berühmtes, fängt eine Suche ein. Die Beethoven-Konzerte Nr. 3 und 4 dirigierte Fischer vom Klavier aus, als einer der allerersten. Es ging nicht ohne Unschärfen im Zusammenspiel ab, aber zugleich öffnete er sich Räume einer stillen Selbstversunkenheit, in denen sich ein Klavierton entfaltet, den Alfred Brendel »von innen leuchtend« nannte. Auch Schuberts Impromptus sind von einer traumverlorenen Schönheit. Man brauchte Seiten, all die Wunder zu nennen. (EMI 629 4992 – 12 CDs)

Die nächsten beiden CDs enthalten Studioproduktionen des RIAS Berlin, aufgenommen 1956 kurz vor Solomons Schlaganfall, der ihn für den (langen) Rest seines Lebens verstummen ließ. Ein kühler Hauch weht durch Schumanns »Carnaval«. Fast unbehaglich scharf treten einzelne Stimmen und Charaktere hervor, und wenn er eine Nebenstimme herausseziert, die man vielleicht nie zuvor wahrgenommen hat, weiß man: Der dies Messer führt, tut es mit einer unheimlichen Sicherheit, auf das Wesentliche zu stoßen und es in ein hartes Licht zu stellen; um das Gefällige kümmerte er sich schon längst nicht mehr. Bei Beethoven und Chopin ist es nicht anders. Man lernt viel von dieser Kunst der letzten Worte. (Audite/Edel 1023422ADT – 2 CDs)

Viktor Merzhanov, ein geradezu mythischer Veteran der russischen Klavierschule, gibt mit 91 noch immer Meisterkurse. Der unermüdliche Pädagoge überglänzte im Westen immer den Pianisten, dessen legendäre technische Fähigkeiten man gerne in die Ecke sowjetischer Spielmaschinen stellte. Hier aber ist nichts von »Soviet Style« zu hören. Die Lisztschen Paganini-Etüden wirft er in einer die Kollegen deklassierenden Lässigkeit hin, und gerade jene Chopin-Préludes, in denen virtuose Bewältigung oft zum Selbstzweck wird, ordnet er einem ausgesprochen lyrischen Konzept unter. Selten habe ich gehört, wie ein Pianist derart lange Belcantobögen über das Triolenrauschen des grausam schweren Es-Dur-Prélude spannte. (APR/ Codaex APR 5671)

Einige der auf diesen beiden CDs vereinten französischen Klavierdamen hatten ein kaum zu zügelndes Temperament, darunter Monique de la Bruchollerie und Yvonne Lefébure. Wie Letztere den Solopart des 4. Beethoven-Konzerts in Kaskaden flüssigen Silbers verwandelt, ist so anfechtbar wie hinreißend, das Finale eine irrwitzige Tour de force. Unterwarf Larrocha ihrem rhythmischen Sinn alles übrige, lässt die Französin ihre rasante Fingertechnik so mutwillig von der Leine, dass am Ende nicht einmal das Orchester hinterherkommt. Ein Spielrausch, dem alle selbstdarstellerische Eitelkeit abgeht. (Tahra/Klassik Center TAH 712 – 2 CDs)

Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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