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Düsseldorfer Schumannfest 2010

»Ein Musikfest am Rhein ist ein schönes und eignes Ding«

Beim diesjährigen Düsseldorfer Schumannfest gratulieren nicht nur Daniel Barenboim, Paavo Järvi oder Frank Peter Zimmermann dem Jubilar zum 200. Geburtstag. Nicht allein mit dem Eröffnungskonzert erinnert man an die Goldene Epoche der Niederrheinischen Musikfeste.

»Am Abend begannen wir Bonner Herren alle zusammen zu kneipen, wurden aber von dem Kölner Männergesangsverein in die Gürzenichrestauration eingeladen und blieben hier unter carnevalistischen Toasten und Liedern beisammen. « Als Chorsänger musste man bei den Niederrheinischen Musikfesten nicht nur gut bei Stimme sein. Nach den Konzerten war Stehvermögen gefragt, wenn man bis tief in die Nacht um die Häuser zog. Friedrich Nietzsche konnte davon ein Liedchen singen. 1865 hatte der Bonner Student der Altphilologie als Bassist bei den 42. Niederrheinischen Musikfesten in Köln teilgenommen. Und wie er danach seiner Schwester Elisabeth in einem Brief gestand, waren die Folgen der fröhlichen Zechtouren noch tags darauf zu spüren. »Mit großem Enthusiasmus« schlief Nietzsche bei der nächsten Probe ein – »zu obligaten Posaunen und Pauken«.
Trotz des mächtigen Katers war der kommende Großphilosoph jedoch schnell wieder hellwach – wenn er an drei Pfingsttagen Meisterwerke und Raritäten erleben konnte, die man in dieser Konzentration noch nicht mal in den Musikmetropolen Wien oder Leipzig hören konnte. 1865 stand Händels »Israel in Ägypten« neben Beethovens 7. Sinfonie und Schumanns »Faustmusik« neben einer Sinfonie von Ferdinand Hiller. Wer sich so auf den aktuellen und vielseitigen Stand des musikalischen Lebens bringen wollte, kam einmal im Jahr nicht um eine Reise ins Rheinland herum. Ab 1818 richteten im Wechsel Aachen, Düsseldorf, Elberfeld und Köln das »Niederrheinische Musikfest« aus, bei dem sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte reichlich Prominenz einfand. Gleich sieben Mal leitete Felix Mendelssohn Bartholdy das Musikfest zwischen 1833 und 1846. Franz Liszt wurde als Festdirigent eingeladen. Und während Giuseppe Verdi sein Requiem dirigierte, gaben regelmäßig Solistenstars wie Frédéric Chopin, Joseph Joachim und Clara Schumann Visitenkarten ihres Könnens ab. Bis 1958 fand das »Niederrheinische Musikfest« 112 Mal statt. Wobei Düsseldorf seit der Festivalgründung zum eigentlichen Drehund Angelpunkt geworden war.
Nach dem Erfolg einer Aufführung von Joseph Haydns »Schöpfung« 1817 war es neben Johannes Schornstein der Düsseldorfer Musikdirektor Friedrich August Burgmüller, der das Konzertwesen endgültig für die Musikliebhaber nicht nur aus dem Bürgertum öffnen wollte. Mit über 200 Musikern, die da noch eher begeisterte Dilettanten waren, gab man so an zwei Pfingsttagen in Düsseldorf mit gleich zwei Haydn-Oratorien den Startschuss für das »Niederrheinische Musikfest «. Von der Barockmusik bis zeitgenössischen Werken bot man fortan ein buntgemischtes Programm. 1836 leitete Mendelssohn dort sogar die Uraufführung seines »Paulus«. Nur einer sollte an die »Niederrheinischen Musikfeste« eher zwiespältig zurückdenken. Es war Robert Schumann, der 1853 bei den Düsseldorfer Pfingstfesten auftrat. Als Komponist seiner 4. Sinfonie wurde er gefeiert. Als bereits schwer erkrankter Dirigent hingegen scheiterte er.


Von fremden Ländern und Menschen

Neben Sinfonien, Solokonzerten und Kammermusik steht beim Düsseldorfer Schumannfest (28. Mai bis 14. Juni) natürlich auch das Liedschaffen im Mittelpunkt. Im Original, aber auch als Inspiriationsquell für zeitgenössische Komponisten. Für das internationale Liedprojekt »Von fremden Ländern und Menschen« wurden Kompositionsaufträge etwa an die Koreanerin Hye-Jon Yoon, die norwegischen Jazz-Musiker Arve Henriksen und Jan Bang sowie an den Engländer Anton Lukoszevieze vergeben. Mit ihren ganz unterschiedlichen musiksprachlichen Idiomen, zu denen asiatische Wölbbrett-Zithern genauso beitragen wie elektronische Klänge, nähern sich die Musiker entlang von ausgewählten Liedern dem Tondichter Schumann an. Insgesamt sieben Konzerte umfasst das Liedprojekt, bei dem die Mezzosopranistin Bernarda Fink den Bogen von Argentinien bis zu Schumanns letzter Wirkungsstätte Düsseldorf schlägt. Und auch danach hört man dessen vokale Seelenwanderungen mit ganz anderen, neuen Ohren.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2010



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