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Englische Landopernfestivals

Musiktheater-Tempel im Weizenfeld

So günstig wie nie – and loveley indeed: eine Reise zu den drei exzentrischsten englischen Landopernfestivals in Glyndebourne, Garsington und Grange Park. RONDO-Autor Matthias Siehler zwischen Picknicks, Parks und Kunstgenuss – High Tea und Champagner inklusive.

Das Land ohne Musik?

Die Engländer haben erst spät die Oper entdeckt. Zunächst begnügte man sich mit verlängerten Schauspielmusiken namens »Masques«, auch Purcells für ein Waisenhaus entstandener Einstünder »Dido and Aeneas« blieb ein Einzellfall. Warm wurden sie dann mit einem Sachsen namens Händel, der ihnen virtuos italienisch vorsingen ließ – und dann gab es bis Benjamin Britten wenig britische Opernvorkommnisse. Das Land verfügt auch heute gerade einmal über fünf große Musiktheater, zwei exklusiv in London und drei in Cardiff, Leeds und Glasgow, die wie Landesbühnen mehrere Städte versorgen.
Wie um das auszugleichen, existierten vielfach kurzlebige Truppen und glühende Liebhaber- Societies – und es gibt, als eine der schönsten Blüten englischer Exzentrik, die Country House Operas: Belcanto und Moderne, gern auch rar und selten, in oder neben einem gottverlassen, für die Nichteingeweihten meist nur schwer zu findenden, vom Zahn der Zeit würdevoll angenagten Herrenhaus inmitten eines stimmungsvollen Gartens auf dem Land, das freilich so eben noch von London aus bequem zu erreichen sein muss. Neben Ascot und Wimbledon, vielleicht noch der Royal Flower Show, bietet solches Gelegenheit, feine oder wenigstens farbenfrohe Kleider unter freiem Himmel spazieren zu tragen. Die Herren machen strikt im Smoking makellose Figur. Man sieht weiße Rosen am Revers, seltsam karierte Hosen als Schottenrock-Ersatz und bisweilen blitzen, passend zur Fliege, lachsfarbene Socken an Männerfesseln hervor.
Schlamm, feuchte Kälte und schlechtes Wetter werden grundsätzlich ignoriert. Denn ebenso wichtig wie die vokalen Darbietungen ist das Picknick-Intervall von mindestens sakrosankten 85 Minuten – bei einer Janácˇek-Oper kann das die reine Spielzeit mühelos verdoppeln. Im dritten Akt wird dann selbst bei Mord und anderen Kleinigkeiten mitunter laut gekichert: Der zuvor reichlich genossene Champagner fordert seinen Tribut. Denn Alkohol fließt auch schon lange vor dem Opernbeginn, wenn man in Abendgarderobe auf dem grünen Rasen sitzt, bei High Tea, aber lieber noch mit Hochprozentigem die Schafe anstarrt.

Glyndebourne - Weltstadtoper auf der Wiese

Die Mutter aller Country House Operas, das Glyndebourne Festival in East Sussex, feierte letztes Jahr 75. Geburtstag. Seit vor 14 Jahren das schöne, doch schlichte, voll professionelle, aber immer noch einigermaßen intime neue Theater neben dem Herrenhaus der Christies eröffnet wurde, sind die Ansprüche an die – komplett privat finanzierte – Weltstadtoper auf der Wiese noch gewachsen. Schließlich läuft hier fast vier Monate ein Betrieb mit sechs Stücken (und drei auf Herbsttournee) wie geschmiert. Inzwischen hat man längst den ersten Wagner gestemmt, für den das Unternehmen 1934 gegründet worden war, wenngleich die singende Gastgeberin Audrey Mildmay die frühen Opern dann klugerweise auf Mozart beschränkte. Weltstars singen hier, man koproduziert europaweit, gibt attraktive DVDs und CDs heraus. Dank der musikalischen Leitung von Vladimir Jurowski kamen in den letzten Jahren viele Russen – und nicht immer war klar, wie es inhaltlich weitergehen würde. Diesen Sommer aber gibt es ab 20. Mai erstmals Brittens Seefahreroper »Billy Budd«, obwohl man hier traditionell viel vom zweiten English Orpheus (nach Purcell) gespielt hat. Es folgt als zweite Premiere mal wieder »Don Giovanni«, denn mit Mozart begann hier schließlich alles. Außerdem stehen als Wiederaufnahmen »Così fan tutte«, Verdis »Macbeth«, Laurence Pellys schrille, im Supermarkt als Hexenhaus endende »Hänsel und Gretel«-Produktion sowie der von David Hockney ausgestattete »Rake’s Progress« auf dem Programm. Die Strawinsky-Oper ist ein guter alter Glyndebourne-Bekannter und seit der dortigen Premiere 1975 weltweit umhergereist. Bei den Besetzungen fehlt dieses Jahr leider Danielle de Niese, die hier als mindestens so gut tanzende wie singende Bollywood-Cleopatra Händels nicht nur das Publikum, sondern offenbar auch den dritten Glyndebourne-Chef Gus Christie in Rage brachte. Er ließ sich scheiden und heiratete letzten Winter die schöne Sopranistin.

Zwischen Herrenhaus und Rosengarten - Das Garsington Festival

Längst hat Glyndebourne seine Ableger und Nachahmer gefunden: Ein paar Autokilometer gen Nordwesten mehr, kurz vor Oxford, hat auf der Terrasse eines jakobinischen Herrenhauses das Garsington Festival seine vierwöchige Residenz, leider zum letzten Mal. Denn nach dem Tod seines Gründers, einem musikbegeisterten Bankier, hat die Familie beschlossen, dass die 22. Saison die letzte sein wird. Man möchte nicht länger zwei Monate lang den Grund mit einer von außen hässlichen, innen erstaunlich intimen Tribünenkonstruktion teilen, die 500 Besuchern Platz bietet. Auftritte von links kommen aus der völlig umgeräumten Wohnhalle, Abgänge nach links enden im herrlichen, von Buchshecken eingefassten Rosengarten.
Das Publikum will durchaus auch ein Kulturerlebnis, nicht nur das feine Wochenendidyll am statuenumsäumten italienischen Teich, wo die Picknickplätze am begehrtesten sind. Intendant Anthony Withworth-Jones, der früher einmal Glyndebourne geleitet hat, weiß das und bietet die typische Garsington-Mischung aus unbekannten Opern und jungen, vielversprechenden Stimmen. Lockten bisher hier obskure Haydnund Strauss-Opern, so gibt es diesen Sommer ab 2. Juni Brittens »Midsummer Night’s Dream«, Mozarts »Figaro« und Rossinis »Armida«. Und auch ein neues Heim ab 2011 will das Festival gefunden haben.
Neben dem »Luxury Loo«-Wagen mit Edelholzklosetts ruhen Rob, Roy und Jock (»A faithfull friend«) nach einem Hundeleben auf dem Tierfriedhof, und es gibt einen romantischen Bach mit Wasserlilien. Am Taubenkober in einem alten Turm, wo auch Kaschmirschals und hässliche Aquarelle verkauft werden, diniert man unter einer Magnolie, die Queen Mum gepflanzt hat. Nur schwer bequemt man sich zum zweiten Opernakt, in der Tupperbox leuchten immer noch die Erdbeeren. So herrlich improvisiert muss es früher in Glyndebourne zugegangen sein, wo die Möpse der Christies über die Picknickdecken hüpften und die Einsingübungen der Sänger stets zu hören waren.

Der Feenpalast - Oper im Grange Park

Weil das Pfund so günstig steht, ist ein Abstecher nach Hampshire drin, wo die Grange Park Opera für ebenfalls nur einen Monat ihre feenhafte Existenz entfaltet. Hat man glücklich keine Rehkitze und Fasane überfahren, die von den ungeteerten Feldwegen aufgescheucht wurden, erhebt sich plötzlich auf einer sanften Höhe inmitten von Weizenfeldern ein neopalladianischer Parthenon von 1813: The Grange. Das unbewohnte Ensemble wird ebenfalls von einem Bankier zur Verfügung gestellt. In dem ähnlich tempelartigen Wintergarten dahinter residiert das seine 13. Saison feiernde Festival in einem eigens eingebauten Opernhaus mit zwei Rängen. In dem sind eigentlich nur die alten Stühle aus Covent Garden echt, alles Andere ist verspielt zauberhafte Theaterkulisse: die Lüster aus Federn und Glasfasern, die billigen Materialien, wo man freilich über echte Goldfischaquarien und eine Modelleisenbahn unter Glas läuft.
Wo die meisten anderen der vom National Trust oder klammen Besitzerfamilien verwalteten Herrenhäuser von grandioser, aber gestriger Größe zeugen, wo sich Staub über eine Geschichte gelegt hat, die weitgehend abgeschlossene Historie geworden ist, da leben die Landsitze, in denen heute Musik erklingt, als vitale Kulturorganismen – wenn auch nur auf Zeit. Nirgendwo spürt man das so stark wie im verwunschen Grange Park. Hier regiert die wortgewandte indischstämmige Dirigentin Wasfi Kani. Die spielt unterm Jahr mit ihrer Pimlico Opera auch in Gefängnissen. Täglich ab 3. Juni steht sie vor ihrem erwartungsfrohen Publikum und pumpt es um Geld an. Um noch mehr als sonst, denn die Sponsoren haben die Hand auf dem Firmenportemonnaie. Sie sollen es dieses Jahr ausgeben für »Tosca«, »Capriccio« und Prokofjews »Lieben zu den drei Orangen«. Auch hier setzt man auf kaum bekannten, aber meist sehr begabten Nachwuchs.
In der Pause kommt freilich die Hauptsache. Man diniert edel auf Goldstühlchen im halbzerfallenen Herrenhaus, wo die Treppe eingestürzt ist, wo Kronleuchter an Decken hängen, durch deren Löcher man bis in den Dachstuhl sieht, und marodes Mauerwerk einfach von Fundusportieren verborgen wird. Traumschön steht die untergehende Sonne über den Feldern, der Champagner perlt im Glas, die barocken Melodien scheinen noch durch den Raum zu wehen. Die Briten machen es richtig: Man muss die Krisen eben feiern, wie sie fallen.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2010



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