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Musik der Welt

Stil-Auslese

+ Funk, Reggae und Disco helfen der Tradition auf die Sprünge + Mercedes Sosas Begegnung mit Freunden wird zum Vermächtnis + Yasmin Levy und die Magie einer Stimme + Neues von Amerikas Folk-Ikone Woody Guthrie + Beschwingtes Kaffeehaus in Ulm, um Ulm und um Ulm herum +

Auch in der Popularmusik ist die Globalisierung ein wirkmächtiges Phänomen. Neben den so beherrschenden, anglo-amerikanisch dominierten Fusionsformen, die im einheitlichen Mainstream neu getrübt zusammenfließen, gibt es zunehmend eine Art métissage, bei der tradierte Formen der Volksmusik von jungen Interpreten in ihrer Eigenart respektiert und doch unbekümmert mit der Energie angesagter Trends der Popmusik aufgeladen werden – vital profilierte Musik ist das Ergebnis. Das neueste Album der brasilianischen Sängerin Céu aus São Paulo fällt in diese Kategorie: Stets bleibt eine gewisse Samba-Poesie präsent, auch wenn die Arrangements lustvoll – und auch mal funky – mit Reggae, Psychedelic Rock und Lounge spielen (Céu: Vagarosa. Six Degree/Indigo 936972).
Auf der anderen Seite des Atlantiks geht der Sohn des großen malischen Barden Ali Farka Touré mit dem verwirrenden Namen Vieux Farka Touré einen analogen Weg. Der Sänger und Gitarrist verbindet die Tradition der westlichen Sahara mit rockig-verzerrten Bluesklängen, Talking Drums sowie Funk- und Reggae-Grooves (Vieux Farka Touré: Fondo. Six Degree/Indigo 931842). Auch die neueste Produktion von Shantel, des deutschen DJs und Komponisten Stefan Hantel mit den Vorfahren aus der Bukowina, wäre hier zu nennen. Mit pumpenden Bässen, scharfen Bläsersätzen und schrägen Remixes macht er die euro-orientalen Klänge seiner Ahnen hitverdächtig dancefloor-kompatibel (Shantel: Planet Paprika. Essay/Indigo 937132).
Wer die am 4. Oktober verstorbene Mercedes Sosa als »die Stimme Lateinamerikas« bezeichnet, der apostrophiert indirekt die Mischung der verschiedenen Stile ihres Heimatkontinentes als wichtiges Ausdrucksmittel, dessen sich die herausragende Sängerin in ihrem Kampf für Bürgerrechte und Demokratie bediente. Nirgendwo kommt dies besser zum Ausdruck als auf ihrem letzten Album, das nun zu ihrem Vermächtnis wurde. Vielleicht hat sie ihr baldiges Ende geahnt: Sie lud ihre großen Sängerfreundinnen und -freunde zu einem Projekt, bei dem sie eine Reihe von Liedern – meist eben dieser Freunde – jeweils im Duett mit unterschiedlicher Begleitung einspielte. Ob von kleiner Rhythmusgruppe begleitet oder eingebettet in opulente Arrangements, bei all den meist melancholischen Songs wirkt die Magie von »La Negra« – gerade eben auch im Kontrast mit so individuellen Stimmen wie etwa der von Shakira, Joan Manuel Serrat, Daniela Mercury, Caetana Veloso oder Jorge Drexler. Schade nur, dass das ansonsten sehr detaillierte Booklet die Texte der Lieder nicht wiedergibt. (Mercedes Sosa: Cantora. RCA/Sony Music 88697 56781-2).
Wenn es um Magie in der Stimme und wirkungsvolle Stilmischung geht, darf das neue Album der aus Jerusalem stammenden sephardischen Sängerin Yasmin Levy nicht unerwähnt bleiben. Sie singt ihre Lieder vorwiegend auf Ladino, der Sprache der um 1492 aus Spanien vertriebenen Juden. Mit einer von einer akustischen Gitarre angeführten Combo beschwört sie Liebes- und anderes Leid mit einer glutvollen, dunklen Stimme, deren magischer, metallischer Schmelz Yasmin Levys Bewunderung für den Flamenco verrät. Das Flamenco-Feeling wird jedoch nicht voll ausgespielt. Es ist eingebettet in andere Komponenten wie gelegentliche Latinrhythmen oder traditionelle sephardische Tonalität (Yasmin Levy: Sentir. World Village/harmonia mundi WV 450010).
Aus der jüdischen Tradition des aschkenasischen Stranges kommt das New Yorker Ensemble The Klezmatics – Stilmischung ist bei ihm Programm. Bei einem Klezmatics-Konzert 1998 in Tanglewood kam es zu einer folgenreichen Begegnung mit Nora Guthrie, der Tochter Woody Guthries, die dabei war, den Nachlass ihres Vaters, der großen Ikone der amerikanischen Folkmusic, zu sichten und dabei in einem Schatz von 3.000 unveröffentlichter Songs bisher unbemerkte Spuren jiddischer Kultur aus ihrer Kindheit entdeckt hatte. Woody Guthrie war in zweiter Ehe mit Noras Mutter, einer bedeutenden Tänzerin und Tochter einer jüdischen Aktivistin und Komponistin jiddischer Lieder verheiratet und führte – nach eher unsteten Jahren – Anfang der Fünfzigerjahre mit seiner Frau und eben Nora und ihren drei Geschwistern ein verhältnismäßig heiter-beschauliches Familienleben in der Vielvölkerumgebung von New Yorks Coney Island. Damals hatte der in seiner Jugend leidgeprüfte kämpferische Antifaschist und Bürgerrechtler diese meist unvertont gebliebenen Songs geschrieben, die von Momenten dieser glücklichen Zeit geprägt sind. Nach der Begegnung in Tanglewood war für Nora klar, dass sie den Klezmatics dieses Material zur Verfügung stellen müsse. Diese haben 16 Songs ausgewählt und bringen sie auf ihrer CD »Wonder Wheel« zum Erklingen. Der erste Höreindruck ist der einer erweiterten Folkloregruppe, bei der die Klampfinstrumente Gitarre bzw. Banjo überwiegen, wobei dieser Eindruck noch durch die oft zahlreichen Strophen der Songs verstärkt wird. Bei genauerem Hinhören wird allerdings deutlich, wie kongenial dieses Ensemble die Texte hintergründig und voller Empathie mit originären Klezmerklängen kommentiert (The Klezmatics: Wonder Wheel. Fréa/SunnyMoon MWCD 4064).
Stilmischung hat immer auch etwas mit musikantischer Spiellust zu tun. Deutlich wird das immer, wenn sich sonst im Bereich der Klassik tätige Musiker auf Abwege begeben. Die Formation Trias aus Ulm ist ein schönes Beispiel dafür. Mit Stücken von Piazzolla, Bonfá, Machado oder Diz spielen der Geiger Petr Hemmer, der Pianist Tobias Wahren und der Gitarrist Markus Munzer-Dorn Musik der Welt, die sie sich – wie auch ihre eigenen Beiträge – für ihre Besetzung so einrichten, dass sie klingen, als würde eine gepflegte Kaffeehauskapelle eines Ozeandampfers mal so richtig zeigen, was sie musikantisch-virtuos draufhat. Das ist äußerst unterhaltsam und live ein Genuss, auch wenn der Tonträger nicht auf höchstem professionellen Niveau produziert ist, so ist er ein Versprechen für die Zukunft, das man jetzt schon gerne akzeptiert (Trias: Trias. Label Lehle 110010/Im Buchhandel ISBN 978-3-935662-16-1).

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 6 / 2009



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