Startseite · Künstler · Gefragt

Albrecht Mayer

Bach-Recycling

Dass Albrecht Mayer neben der Oboe auch Gesang studiert hat, will man bei seinem famosen Spiel gerne glauben, auch wenn er selbst die Ähnlichkeiten bescheiden herunterspielt. Auf seiner neuesten CD mit Bachbearbeitungen bringt er sein Instrument erneut zum Singen – zusammen mit dem englischen Trinity Baroque Choir. Jörg Königsdorf traf den Musiker am Rande der Festspiele in Aix-en-Provence.

RONDO: Herr Mayer, mit Ihrem Lieblingskomponisten gehen Sie auf Ihrer neuen CD ja ziemlich respektlos um: Sie haben sich einfach drei neue Oboenkonzerte aus den Kantaten zurechtgeschneidert und ihr Instrument auch noch in etliche Choräle und Choralvorspiele hineingemogelt.

Albrecht Mayer: Das sieht auf den ersten Blick vielleicht respektlos aus, ist aber genau das Gegenteil. Als die Idee zu einem Bachalbum mit Chor kam, habe ich mich gefragt: Was kann man Ernsthaftes machen? Solche Sachen wie das Hilliard Ensemble und Jan Garbarek, wo einfach Melodien improvisiert werden, sind nicht mein Ding. Aber auf der anderen Seite gibt es in Bachs Kantaten so viel Musik, die sich wunderbar für die Oboe eignet.

RONDO: Allerdings bleiben die Texte auf der Strecke, wenn man die Arien für Oboe bearbeitet.

Mayer: Bach hat viel instrumentaler gedacht, als wir heute gerne annehmen. Er hatte nie ein Problem damit, eine Melodie von einem Stück in ein anderes zu transportieren oder einen Konzertsatz für eine Arie zu recyceln. Ich glaube, wir haben uns in den letzten Jahrzehnten viel zu viel mit Purismus aufgehalten und nach angeblichen originalen Fassungen gesucht. Jetzt sind wir über diese Phase hinaus und fragen uns einfach: Wäre das in Bachs Sinne gewesen?

RONDO: Und wie stellt man das fest?

Mayer: Indem man schaut, wie Bach für die Oboe geschrieben hat und von dort aus weiterdenkt. Mein oberster Grundsatz bei meinem Album war: Das muss alles so klingen, als ob Bach das selbst gemacht haben könnte. Ein Jahr lang habe ich mir drei Kantaten pro Tag angehört und dabei immer die Frage im Kopf gehabt, ob Bach selbst diese Musik für ein Oboenkonzert genommen hätte. Und mein Ehrgeiz war es, nicht Stücke aus verschiedenen Werken zusammenzuschneiden, sondern nur ganze Kantaten zu nehmen – natürlich ohne die Rezitative.

RONDO: Sie spielen eine moderne Oboe, haben aber mit dem English Concert aufgenommen, das historische Instrumente benutzt. Wie geht so etwas zusammen?

Mayer: Wer weiß schon wirklich, wie die historischen Oboen geklungen haben? Nikolaus Harnoncourt, der von allen die meiste Ahnung hat, hat mir neulich gestanden, dass nicht einmal er es weiß. Das hat mich beruhigt.

RONDO: Sie haben nicht nur Oboe, sondern an der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule auch Gesang studiert. Wollen Sie Belcanto auf der Oboe machen?

Mayer: Ich glaube, Stimme und Oboe sind doch zu unterschiedlich – so sehr ich Sänger wie Matthias Goerne mit seinem makellosen Legato und natürlich vor allem Fritz Wunderlich verehre. Aber meine Affinität zum Gesang war der Grund, weshalb ich gerne ein Album mit Chor machen wollte. Schließlich habe ich früher selbst viel in Chören gesungen und war sogar zusammen mit Werner Güra in einem Vokalquartett.

RONDO: Ihre Aufnahmen waren bisher vor allem barockem Repertoire gewidmet. Entspricht das auch Ihren persönlichen Vorlieben?

Mayer: Sagen wir es so: Ich musste mich für das Album nicht verrenken und hätte noch Material für eine ganze Menge mehr Bach-CDs. Aber derzeit schreiben gerade drei Komponisten ganz neue Oboenkonzerte für mich. Und ich kann schon versprechen, dass meine nächste CD kein Barockalbum sein wird.

RONDO: Sie haben einen regelrechten Oboenboom ausgelöst. Wie stehen Sie dazu?

Mayer: Wenn ich nach meinen Konzerten CDs signiere, kommen immer unglaublich viele Kinder, meist Mädchen zwischen sieben und neun. Die erzählen mir, dass sie wegen meiner CDs angefangen haben, Oboe zu spielen. Ist das nicht das Tollste, was man als Musiker erreichen kann?

Neu erschienen:

Bach

Werke für Oboe, Orchester und Chor

Albrecht Mayer, The English Concert, Trinity Baroque Choir

Decca/Universal

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 4 / 2009



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Musik-Krimi

Musik-Krimi

Folge 3: Doktor Stradivari und das Versteck der Newski-Brüder

W ir haben es mit einer außergewöhnlichen Bande von Drogenhändlern zu tun“, erklärte […]
zum Artikel »

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Tenor Piotr Beczała, der im vergangenen Jahr einen enormen Erfolg als „Lohengrin“ an der […]
zum Artikel »




Top