Ein ganz schlechtes Timing hat sich Olga Peretyatko für ihre vierte Solo-CD ausgesucht. Da bringt die in Italien lebende, in Deutschland ausgebildete und inzwischen überall singende russische Sopranistin nach vielerlei Belcanto-Glanzstücken auf Italienisch und Französisch sowie einem fesselnden Rossini-Rundlauf nun erstmals eine CD heraus, die ganz den Klängen ihres Heimatlandes gewidmet ist, sogar so sehr, dass man sie in Yekaterinburg mit dem engagierten Ural Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Dmitry Liss eingespielt hat. Und dann kommt ihr doch eine sieben Jahre jüngere Landsmännin mit einer ähnlichen CD in die Quere, die sich noch dazu in vier Titeln überschneidet. Und man muss leider konstatieren: Aida Garifullina, zudem tartarischen Ursprungs, singt die Hymne an die Sonne der Königin von Schemacha aus Rimski-Korsakows „Der goldene Hahn“ sowie eine Arie des „Schneemädchen“, ein Lied und die Vokalise von Rachmaninow einfach frischer, berückender, opak zarter. Dafür ist die Petersburgerin die bessere Gestalterin, packt dramatisch zu, gibt den unterschiedlichen Charakteren auf „Russian Light“ ebensolche Farben und Allüre. So kann sie Rollen wie Rimskis „Zarenbraut“, Strawinskis ätherisch zwitschernder Nachtigall, die sie schon auf der Bühne gesungen hat, aber auch Wolkowas Wiegenlied aus „Sadko“ oder Glinkas Lyudmila differenziertes Tonleben einhauchen. Die drei weiteren Rachmaninow-Lieder singt sie mit nonchalanter Finesse, für die süße Abrundung als Kirsche auf dem Arienkuchen sorgen schließlich die mädchenhaft lyrisch vorgetragenen zwei Exzerpte aus Schostakowitschs lustiger Plattenbau-Operette „Moskau, Tscherjomuschki“. Und so ist man ob des Repertoires dann doch wieder versöhnt.

Matthias Siehler, 10.06.2017



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top