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Johann Sebastian Bach

Sechs Partiten

Richard Egarr

harmonia mundi HMM 907593.94
(154 Min., 1/2016) 2 CDs

Wer sich schon immer mal die (zugegebenermaßen) wohl nur für Spezialisten interessante Frage gestellt hat, warum eigentlich fünf der sechs Partiten von Bach auf sieben Sätze kommen, der erhält jetzt aus berufenem Munde die heißersehnte Antwort. Der nahezu hinter jeder Zahl eine tiefe Bedeutung witternde Bach – so der englische Cembalist Richard Egarr in seinem Booklettext – musste unbedingt eine Partita um einen Satz kürzer machen, um unter den Gesamtzyklus seine persönliche Unterschrift „JSBACH“ setzen zu können. Laut Egarr operierte Bach grundlegend mit dem Zahlenalphabet, das jedem Buchstaben eine Zahl zuordnet, angefangen bei A = 1. In der Quersumme kommt „JSBACH“ so auf die Zahl 41 und damit auf genau die exakte Anzahl der Sätze in den sechs Partiten. Warum aber ausgerechnet die 2. Partita nun regelrecht amputiert überliefert ist, dafür gibt Egarr keine Begründung. Um aber die zahlensymbolische Spekulation in dieser Werkreihe auf die Spitze zu treiben, fügt Egarr nebenbei an, dass Bach mit der Veröffentlichung der Partiten 1726 und damit im Alter von 41(!) Jahren begonnen hatte. Liest sich alles plausibel – und zugleich aber auch wie eine Recherche des berühmten Experten für Außerirdisches, Erich von Däniken.
Zum Glück gibt es neben dem Zahlenmagier Egarr aber auch den großartigen Barock- und Bach-Interpreten gleichen Namens. Und der weiß bis in die Verzierungen alles an Farben, Formen und Finessen aus den kunstvollen Tanzsätzen herauszuholen. Von spekulativer Gedankenschwere – keine Spur. Stattdessen reißt er an einem blendend aufgelegten Ruckers-Nachbau den Hörer durch schwungvolle Vitalität, brillante Akkuratesse und agogische Variabilität mit. Und was Egarr etwa der rund 11-minütigen Allemande der 4. Partita so alles an wertvollen Geheimnissen, Überlegungen und Gefühlen entlockt, erzählt mehr von Bach als jede zahlenmystische Beweisführung.

Guido Fischer, 24.06.2017



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