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Richard Strauss, Alban Berg, Arnold Schönberg

„Traumgekrönt“ (Lieder)

Hanna-Elisabeth Müller, Juliane Ruf

Belvedere/harmonia mundi BVE 08034
(75 Min., 12/2016)

Da haben wir sie auf einer CD vereint: Richard Strauss einerseits, Arnold Schönberg und seinen Schüler Alban Berg andererseits. Am Ende seines Lebens ätzte der gediegen konservative Strauss, der mit einzigartig lockerer Hand seinen Fin-de-siècle-Stil beherrschte, wütend gegen die Neutöner der Schönberg-Schule. Aber gegen ihre frühen Elaborate, so darf man annehmen, hätte er wohl noch nicht viel einzuwenden gehabt: Auf dieser CD jedenfalls ergänzen sich die drei Meister aufs Vortrefflichste, hat doch jeder eine eigene „Handschrift“ innerhalb der spätest-romantischen Harmonik der Jahrhundertwende: Alban Berg etwa fasziniert mit übermäßigen Dreiklängen, die im ersten seiner „Sieben frühen Lieder“ einen mystischen Schleier nächtlicher Geheimnisfülle ausbreiten. Und dann sind da Arnold Schönbergs alterierte Akkorde, die jenen „meergrünen Teich neben der roten Villa“ vor dem inneren Auge aufsteigen lassen, von dem Richard Dehmels Text erzählt. Und dazwischen genießen wir immer wieder die unbeschreibliche Opulenz der Strauss’schen Tonsprache mit ihren charakteristischen mediantischen Akkordverbindungen und ihren weit ausschwingenden, oft atemberaubend verschlungenen Melodiebögen.
All dies präsentieren uns mit der ganzen beeindruckenden Fülle ihres Könnens und ihrer interpretatorischen Sensibilität die beiden hochinspirierten Künstlerinnen dieser CD: Die überwältigende Opulenz des Repertoires findet ihre Entsprechung im leuchtenden Glänzen der Sopranstimme von Hanna-Elisabeth Müller, die sich perfekt in die üppigen Kantilenen schmiegt – der kapriziöse Beginn von Strauss‘ „Ich wollt ein Sträusslein binden“ sei hier pars pro toto genannt. Juliane Ruf hat sich die satten angereicherten Akkordstrukturen dieser Lieder vollkommen zu eigen gemacht: Ihre Finger formen die Klänge zu sprachverwandt ausdrucksstarken Sinneinheiten, indem sie ihre einzelnen Töne mit nuancenreicher Differenziertheit unterschiedlich gewichten. So gelingt es, diese in vieler Hinsicht „über-reife“ Musik – der von Schönberg und seinen Schülern verursachte Crash der Dreiklangsharmonik stand ja unmittelbar bevor – von jeglichem Verdacht in puncto „Dekadenz“ reinzuwaschen; vielmehr erscheint sie hier als funkelndes Farbenspiel einer Spätblüte der Romantik, das die reichen inneren Landschaften der poetisch gestimmten menschlichen Seele faszinierend aspektreich abzubilden vermag.

Michael Wersin, 24.06.2017



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