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Anton Bruckner, Richard Wagner

Sinfonie Nr. 3, Tannhäuser-Ouvertüre

Gewandhausorchester Leipzig, Andris Nelsons

DG/Universal 479 720 8
(75 Min., 6/2016)

Der Beginn eines neuen Bruckner-Zyklus‘: Zusammen mit dem Gewandhausorchester wird Andris Nelsons in den nächsten Jahren Bruckners sinfonisches Werk einspielen. Den Anfang macht er mit Bruckners „Dritter“, oft als „Wagner-Sinfonie“ bezeichnet, weil Bruckner sie dem verehrten Bayreuther Meister widmete und sich im langsamen Satz eine Menge deutliche Allusionen an dessen Musik erlaubte. In der Fassung von 1888/89 allerdings, für die sich Nelsons entschieden hat, ist einiges davon wieder gestrichen worden; auch im Blick auf die Veränderungen in den anderen Sätzen, die Bruckner vorgenommen hat, könnte man der Meinung sein, die Einspielung einer früheren Fassung wäre eventuell interessanter gewesen.
Vielleicht aber kommt es Nelsons, der in Bruckners Partitur offenbar eher den Klangzauber und die expressionistischen Farben sucht, auch entgegen, dass in der späten Version einige Glättungen die ursprünglich schrofferen Gegensätze modifizieren: Nelsons sieht Bruckner in seiner Musik, wie im Beiheft zu lesen ist, auf einem „mystischen Weg“, auf einer Art „Pilgerreise zu Gott“. Genau das – und nicht so sehr die Kühnheit der Architektur und die gewagte Modernität der musikalischen Thematik samt ihrer obsessiven Entfaltung – wird in der vorliegenden Interpretation hörbar. Ein Interpretationsansatz, der gleichzeitig auch die Brücke baut zu Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre, die den Musikern unter Nelsons Leitung brillant gelingt: Wuchtigkeit und Wärme, Innigkeit und edle Größe geben sich die Hand. Falls Nelsons im weiteren Verlauf des Zyklus‘ immer wieder Bruckner und Wagner gegenüberzustellen gedenkt, darf man durchaus gespannt sein: Eines der wichtigen großen Spannungsfelder der Musikgeschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts könnte so eine interessante neue Beleuchtung erfahren.

Michael Wersin, 22.07.2017



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