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Out Of Land

Emile Parisien, Vincent Peirani, Andreas Schaerer, Michael Wollny

ACT/Edel 1098322ACT
(48 Min., 4/2016)

Im April 2016 fand im Berner Jazzclub bee-flat ein regelrechtes Gipfeltreffen des europäischen Gegenwartsjazz statt: Mit dem französischen Saxofonisten Emile Parisien, seinem Landsmann Vincent Peirani am Akkordeon, dem Schweizer Sänger Andreas Schaerer und dem deutschen Pianisten Michael Wollny präsentierte sich die Crème der U-40-Generation des für seine Nachwuchs- und Entdeckungsarbeit berühmten Labels ACT.
Was die vier aus den Quellen ihres Heimatkontinents schöpfenden Europäer aus der ungewöhnlichen Instrumenten- und Stimmkombination trotz oder vielleicht gerade wegen der kurzen Vorbereitungszeit in dem Live-Set machen, ist faszinierend: Die Musik auf „Out Of Land“ ist ein atmender Organismus, der in den Solo- und Duettpassagen des Livemitschnitts still pulsiert, um sich dann in voller Quartettbesetzung in ein mächtiges, geradezu orchestrales Wesen zu verwandeln.
Dabei ist es eigentlich nicht selbstverständlich, dass diese leidenschaftliche Tour de Force, die Klassik, Kirchenmusik, Anklänge an französische Chansons sowie afrikanische oder brasilianische Grooves umfasst, derart aus einem Guss klingt: Schließlich unterstreicht die Aufnahme deutlich, wie individualistisch die vier Musiker sind. Der auch in freien Spielarten erprobte Parisien lässt sein quirlig-schneidendes Sopransaxofon orientalisierend wie ein Schlangenbeschwörer erklingen, während Peirani und Wollny die akkordischen und klanglichen Möglichkeiten ihrer Instrumente immer wieder ausdehnen – da wird aus dem Akkordeon eine Orgel oder ein Ambient-Synthesizer, da verwandelt sich der Flügel in ein Stummfilmpiano mit zittrigen Gothic-Linien oder qua Saitendämpfung in ein Drumset.
Die schillerndste Erscheinung ist freilich der Sänger Andreas Schaerer, der von vielen guten Geistern besessen zu sein scheint: von im Diskant juchzenden Windelfen, fremdartig flötenden Urwaldvögeln sowie von Al Jarreau und Mark Murphy selig. Als menschliche Beatbox, zweite Bläserstimme und Chansonnier in verschiedenen Fantasiesprachen ist er sozusagen begleitender Frontmann des Ad-hoc-Quartetts. Ein Widerspruch in sich, der stellvertretend für den ungemeinen Reiz dieser an sich unmöglichen Formation steht.

Josef Engels, 22.07.2017



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