Countertenorstar Max Emanuel Cencic, der ja auch sein eigener Produzent ist, scheint sich offenbar gerade in einer germanischen Händel-Phase zu befinden. Nach Aufführungen und Aufnahmen der Cheruskeroper „Arminio“ (= Herrmann) aus der Reifezeit folgt nun „Ottone“, das frühe Kaiser-Drama um Otto II. und seine Verheiratung mit der byzantinischen Kaisertochter Theophanu als diplomatischer Verständigungsaktion – was durch Intrigen und Eifersüchteleien verhindert werden soll. Und damit wurde nach zwei Einspielungen englischer Dirigenten aus den frühen Neunzigern nicht nur die längste Version der unbekannten, aber hörenswerten Händel-Vertonung vorgelegt, sondern auch die mitreißendste.
Händel musste hier, wie in kaum einer anderen Oper, für die beteiligten Stars neue Arien komponieren. 1723 waren immerhin als Ottone Francesco Bernardi, genannt „Senesino“, Francesca Cuzzoni (Teofane), Margherita Durastanti als rankünesüchtige Gismonda und der deutsche Altkastrat Gaetano Berenstadt (ihr Sohn Adelberto) mit von der Premierenpartie.
Auch jetzt hat Cencic, der so souverän wie dramatisch vielgestaltig die komplexe Titelpartie singt, an eigenen Arien nicht gespart (zu den sechs in der Oper kommen noch drei als Appendix hinzu), aber auch nicht an potenten Mitsängern. Schwerste Konkurrenz in Sachen Machotum und Luftverdrängung, virtuosen Läufen und zartem Angerührtsein macht ihm die einmal mehr famose Ann Hallenberg als Gismonda. Lauren Snouffer singt die Theophanu mit hell-lyrischem Klang, Xavier Sabata gibt dem Adelberto ein paar hysterische Züge. In den weniger wichtigen Rollen gefallen Anna Starushkevych (Matilde) und der Bass Pavel Kudinov (Emireno). Erstmals dirigiert George Petrou die italienische Alte-Musik-Formation Il Pomo d’Oro – mit Verve, aber auch mit ausgleichend dynamischer Hand. Händel zum Nutzen.

Matthias Siehler, 02.09.2017



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top