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Franz Schubert

Winterreise D.911

Florian Boesch, Roger Vignoles

Hyperion/Note 1 CDA 68197
(70 Min., 9/2016)

Dass Florian Boeschs Art zu singen speziell ist, haben auch frühere CD-Veröffentlichungen schon deutlich gemacht. Für die vorliegende Einspielung der „Winterreise“ indes hat der österreichische Bariton sich diesbezüglich noch einmal gesteigert: Schon im ersten Lied geht seine Zurückhaltung in puncto Lautstärke gelegentlich so weit, dass die Gesangslinie fast im unbeirrt weiterschreitenden Klavierklang versinkt. Weil Boesch zudem auch gern noch undeutlich artikuliert, leidet die Textverständlichkeit an solchen Stellen extrem. Zum Positiven gewendet könnte man von extremer Privatheit und Vereinsamung des Protagonisten sprechen – dann wäre Boeschs interpretatorische Maßnahme ein Ausdrucksmittel im Dienste einer von ihm intendierten Aussage.
Mit solchen Eventualitäten lässt Boesch den Hörer auf seiner Reise durch die Winterlandschaft oft allein: Wie sind die schlagerhaften Portamenti im „Lindenbaum“ zu deuten? Warum klingt seine Stimme am Ende der „Gefrorenen Tränen“ im Forte so rau und luftig – materiales Defizit oder gewollter Effekt?
Selbstverständlich wollen wir einem Interpreten vom Range Boeschs nicht unterstellen, dass er sich bei der Darbietung eines so zentralen, komplexen und aspektreichen Meisterwerks der Liedgeschichte lediglich an den Eigenheiten seines Stimmmaterials entlanghangelt. Andererseits lässt sich kaum bestreiten, dass er permanent an der Grenze zum Manierismus agiert: Gehauchte Piani wie bei „und ach, zwei Mädchenaugen glühten“ im „Rückblick“, bei der Wiederholung noch gefolgt von einem leichten kehligen Brummen am Ende der Phrase, sind – wie auch einige der oben schon erwähnten Effekte – Ausdrucksmittel aus der Sphäre des Schlagers oder Chansons. Boesch kratzt damit permanent am Image des Kunstgesangs alter Schule. Freilich: Historisch informierte Interpreten haben schon zuvor den hohepriesterlichen Liedgesang à la Fischer-Dieskau ausführlich hinterfragt. Boeschs künstlerisches Handeln erwächst aber nicht aus irgendeinem „-ismus“, sondern es scheint seine ganz persönlichen Erfahrungen mit diesem Repertoire widerzuspiegeln. Ob es ihm auf diesem Wege gelingt, die „Winterreise“ so zu vermitteln, dass ein heutiges, ggf. ein junges Publikum die Botschaft dieser Lieder in ihrer existentiellen Zeitlosigkeit erleben kann, vermag der Rezensent aufgrund seiner eigenen langjährigen, tiefen Verbundenheit mit diesem Zyklus nicht zu entscheiden.

Michael Wersin, 23.09.2017



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