Eine Referenzaufnahme von Héctor Berlioz’ Meister- wie Schmerzenswerk „Les Troyens“ wurde diese Ostern in Straßburg mitgeschnitten. Das Philharmonische Orchester Straßburg und die diversen Chöre bringen wirklich jede instrumentierte Note des Mammut-Opus zu Gehör. Keine davon ist überflüssig, will man das Werk in seinen gewaltigen Dimensionen (und den staatstragend retardierenden Momenten des 3. Aktes) wirklich verstehen. Als ein Fest frankophoner Grandeur. Joyce DiDonato ist eine nachdrückliche, aber eben nicht statuarische Didon, Königin und liebende Frau, bei der jede Vokalnuance sitzt. Marie-Nicole Lemieux gibt die pastose Cassandre als eine großmächtige Tragödin. Michael Spyres als baritonal grundierter, zu Heldentenorhöhen sich viril hochschraubender Énée hat so schöne wie überwältigende Momente – gipfelnd im Liebesduett der „nuit ivresse“ mit Didon. Neben anderen lassen die feinherbe Marianne Crebassa (Acagne), der so flüssig deklamierende Stéphane Degout (Chorèbe), die beiden hervorragenden Tenöre Stanislas De Barbeyrac (Hélenus und Hylas) und Cyrille Dubois (Iopas), die profunde Hanna Hipp als Didos Schwester Anna, der vielversprechende Philippe Sly (Pantée) und der umdüsterte Nicolas Courjal (Narbal) die 16 Rollen zu einem Fest der Farben und Temperamente werden. Vollkommen wird das Glück durch Berlioz-Experte John Nelson. Der sorgt für einen flächigen, aber fein strukturierten, dunkel würdevollen Klang, der in den großen instrumentalen Zwischenspielen für Abwechslung sorgt, aber trotz aller dynamischen Spitzen nie die Chöre übertönt. Ihm gelingt ein trockener, frühromantisch klar aufgefächerter Sound, der das Berlioz-Idol Gluck immer durchscheinen lässt, aber auch seine Nähe zur Grand Opéra nicht verhehlt. Eine Erfüllung!

Matthias Siehler, 02.12.2017



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