Johann Adolph Hasse

Il cantico de' tre fanciulli (Gesang der drei Jünglinge im Feuerofen)

Gillian Keith (Sopran), Dean Kustra(Kontratenor), James Tolksdorf (Bass) u. a., Kammerchor des Theresiengymnasiums München, Camerata Fulda, Harald Kraus

Koch-Schwann 3-6587-2
(89 Min., 1999) 2 CDs

Nicht ganz glücklich werden konnte ich mit diesem Oratorium des Dresdner Hofkapellmeisters Adolph Hasse (1699-1783). Ist es das leichte Befremden darüber, einen alttestamentarischen Stoff aus dem Buch Daniel nicht nur in italienischer Textgestalt, sondern auch in typische Opera-seria-Musik gesetzt zu erleben? Die auf Präsentation virtuoser Künste angelegten Da-capo-Arien, aus denen das Oratorium neben den Rezitativen im wesentlichen besteht, scheinen doch sehr weit entfernt zu sein von der Befindlichkeit dreier israelischer Jünglinge, die vom babylonischen König Nebukadnezar in einen Feuerofen geworfen werden, weil sie sich geweigert hatten, einem Götzenstandbild zu huldigen.
Das von Harald Kraus, dem Dirigenten der Aufnahme, in seinem fundierten Beihefttext nachgezeichnete dramatische Konzept des Werks geht denn auch musikalisch nicht in überzeugender Weise auf: Die teilweise etwas langatmigen Arien, die zunächst das Unglück der in Gefangenschaft befindlichen Jünglinge und später dann ihren Gesang im Feuer, das sie wunderbarerweise völlig unversehrt lässt, repräsentieren, erfahren nicht genügend dramatische Zuspitzung, um zu einer stringent voranschreitenden Handlung beizutragen. Da wurden zweifellos auch in den Rezitativen interpretatorische Chancen vertan.
Von den Solisten vermag nur die Sopranistin Gillian Keith den Hörer wirklich zu fesseln, denn sie verfügt als flexibler, aber durchschlagskräftiger Sopran über ein hohes Maß an Ausdrucksvermögen sowie Einfallsreichtum beim Verzieren des Da capo ihrer Arien. Daneben muss der bisweilen nicht ganz intonationssichere Kontratenor Dean Kustra ebenso verblassen wie der Bassist James Tolksdorf, der der Figur des Nebukadnezar nicht jene grausame Unerbittlichkeit zu geben vermag, die nötig ist.
Leider nur am Anfang und am Ende des Stücks kommt der fabelhafte Kammerchor des Münchner Theresiengymnasiums zur Geltung. Sein zweimaliges Auftreten macht deutlich, das das Problem des Stücks schon in der Partitur begründet ist: An den Schlüsselstellen der Handlung, etwa als die Jünglinge ins Feuer geworfen werden, fehlen Chorsätze oder kurze Turbae, die das Geschehen plastisch machen. Hasse änderte an seinem Oratorium später genau diese neuralgischen Punkte: Er verkürzte die Arien und setzte den Chor häufiger ein. Möglicherweise wäre dem Werk in dieser umgearbeiteten Version mehr Erfolg beschieden.

Michael Wersin, 30.11.2000



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