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Jules Massenet

Manon

Beverly Sills, Nicolai Gedda, Gérard Souzay u.a., Ambrosian Opera Chorus, New York Philharmonic, Julius Rudel

Deutsche Grammophon/Universal 474 950 2
(188 Min., 7/1970) 2 CDs

Der Ruhm der amerikanischen Sopranistin Beverly Sills lässt sich allein an Hand ihrer (recht spät entstandenen) Aufnahmen nicht ganz befriedigend erklären; es ist nicht zuletzt wohl auch die Dramatik ihrer Biografie, die ihren Ruhm im letzten Teil ihres Karriereabschnitts maßgeblich mit bedingt hat: Nach einer wenig spektakulären Zeit an der New York City Opera gebar die 1929 geborene Sängerin Ende der Fünfziger Jahre ein taubes und ein schwer behindertes Kind. Verständlicherweise völlig aus der Bahn geworfen, gedachte sie ihre Laufbahn zu beenden, aber Julius Rudel, der Dirigent der vorliegenden Aufnahme, holte sie zurück an jenes zweite New Yorker Opernhaus, wo sie fortan große Erfolge feierte. Bald folgte eine weltweite Karriere inklusive starker Medienpräsenz.
Die Rolle der Manon lag ihr nach eigener Aussage besonders gut in der Stimme, ihr gelang darin einfach alles, wie sie in ihren Memoiren berichtet. Ein Vergleich mit anderen (älteren) Einspielungen, besonders mit derjenigen unter Charles Munch (Testament), die mit der zauberhaft jugendlich-durchtriebenen Victoria de los Angeles in der Titelpartie aufwarten kann, zeigt jedoch, das diese Einschätzung ein hohes Maß an Subjektivität nicht entbehrt: Es war der 41-jährigen Sills schlichtweg nicht mehr möglich, ein Mädchen im Alter von 15 Jahren stimmlich darzustellen; das Gegensteuern durch künstliche Aufhellung beeinträchtigt zusätzlich die freie vokale Entfaltung. Jenes zuckrig-süße Kolorit, das de los Angeles (und, auf ihre Weise, etwa auch Germaine Féraldy unter Cohen, Naxos) mühelos erzeugt und damit nicht nur die Jugend, sondern auch die Durchtriebenheit und Vergnügungssucht des Mädchen trefflich zu charakterisieren versteht, kann Sills nicht anbieten und bleibt damit trotz großen Engagements hinter den Anforderungen und Möglichkeiten der Rolle zurück. Dass sich ausgerechnet die vorliegende Manon-Einspielung sensationell gut verkaufte, während die genannte unter Munch seinerzeit ein Flop war, bleibt auch vor dem Hintergrund der sonstigen Leistungen nur partiell erklärlich: Zwar kommt der Orchesterpart unter Rudels differenziertem Dirigat optimal zur Geltung, aber Nicolai Gedda als zweiter gewinnträchtiger Star überzeugt in der Rolle des Des Grieux auch nicht ohne Einschränkung. Henri Legay fasziniert als Partner von Victoria de los Angeles durch sein im Vergleich weicheres Timbre, mittels dessen er die Naivität und Verletzlichkeit des schmählich Betrogenen noch bewegender als Gedda zum Ausdruck zu bringen vermag.

Michael Wersin, 31.07.2004



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