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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 6

Symphonieorchester des BR, Erich Leinsdorf

Orfeo C 554 011 B
(74 Min., 6/1983) 1 CD

Noch in den sechziger Jahren war die Sechste Mahlers unpopulärste Sinfonie. Wenn man die großen Aufnahmen hört, die im Zuge der Mahler-Renaissance entstanden, sie vielleicht mitzeugten, versteht man das nicht recht. Wir werden von Dirigenten wie Bernstein und Solti in ein lustvoll-erregendes Vernichtunsszenario gezogen, das seine Wirkungen sucht und selten verfehlt. Doch weist dieser inszenatorische Sinn für tragischen Effekt den einzigen Deutungsweg?
1983 brach Erich Leinsdorf provozierend mit diesem eindrucksvollen Einheits-Konzept. Am besten lässt sich das im Finale beobachten. Mancher wird sich an die berühmten Hammerschläge erinnern und vielleicht auch an die vorangehenden Ritardando-Takte, die normalerweise als enorm pathetische Kraftstauungen inszeniert werden, die die niederschlagende Wucht der Schläge geradezu einfordern als negative Lösung und Vollzug. Leinsdorf aber minimiert Crescendo und Ritardano und entzieht damit dem nachfolgenden Höhepunkt seine endgültige Wirkung: Das katastrophische Bühnengeschehen wird durch ein umgekehrtes Fernrohr betrachtet.
Indem diesen Scharnierstellen die rhetorische Kraft genommen ist, weicht das psychologisch ausdeutbare Drama dem absolut-musikalischen Geschehen eines großen Sonatensatzes. Schon der erste Satz mied das Aufstauen von emotionalen Kräften. Das Seitenthema ("schwungvoll"), in dem Mahler Alma porträtieren wollte, wird ebenso kühl und regelmäßig exekutiert wie die Entrückungsepisoden der Durchführung mit ihrem Herdenglockengebimmel (immerhin sagt Mahler dort "Am Hauptzeitmaß festhalten").
Kurzum, Leinsdorf objektiviert all jene Züge, die aus der sinfonischen Ordnung hinausdrängen und die sie aufzulösen drohen. Alle Almas, Kuhherden und Endzeitkatastrophen sind vage Ahnungen in diesem Werk aus der Tradition klassich-romantischer Sinfonik. So wirkt das Konventionelle einmal überraschend

Matthias Kornemann, 27.09.2001



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