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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 2, Totenfeier

Melanie Diener, Petra Lang, Prager Philharmonischer Chor, Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Riccardo Chailly

Decca 470 283-2
(111 Min., 1/1999, 11/2001) 2 CDs

Eine derart transparente, analytisch durchleuchtete und gleichzeitig messerscharfe und energische Interpretation von Mahlers "Auferstehungs-Sinfonie" ist mir lange nicht untergekommen. Sicherlich tragen die phämomenale Aufnahmetechnik, die nahtlos an Deccas Sternstunden der sechziger und siebziger Jahre anknüpft, sowie die herrliche Akustik des Amsterdamer Concertgebouw ihren Teil dazu bei. Aber es ist vor allem Riccardo Chaillys Ehrgeiz, auch das kleinste Detail hörbar zu machen, und seine minuziöse Befolgung von Mahlers Anweisungen bezüglich des Raumklangs, der diese Aufnahme zu einem Erfolg werden lässt.
So platziert Chailly im Gegensatz zu den allermeisten Dirigenten die Bläser im "Urlicht" tatsächlich wie vom Komponisten gefordert im Hintergrund, wodurch der ebenso schlichte wie innige Charakter der Musik erst richtig zum Tragen kommt. Und selten sind die dynamischen Abstufungen bezüglich des Fernorchesters im Finale so bezwingend realisiert worden. Das dynamische Spektrum der Einspielung ist angemessen weit, doch nicht, wie oftmals, so ins Extrem getrieben, dass man ständig den Lautstärkeregler zu Hilfe nehmen muss.
Es soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, als würden lediglich Triumphe der Klangtechnik gefeiert. In einigen seiner Mahler-Interpretationen konnte Chailly nicht völlig überzeugen, wirkte ein wenig zu distanziert für Mahlers weltumfassenden Anspruch. Derartige Einwände treffen hier nicht zu: Das Pandämonium, das Chailly im Finale entfacht, sucht seinesgleichen, ebenso die Entwicklung der Chor-Apotheose vom geflüsterten Beginn bis zur Glaubenszuversicht der letzten Partiturseiten.
Besonders faszinierend ist der zweite Satz, der unter Chailly weit mehr Fassetten entfaltet als gemeinhin - und das Orchester vollbringt hier Wunder der Artikulationskunst. Eine sichere Hand bewies Chailly auch bei der Auswahl der Gesangssolistinnen; voll allem die uneitle, stille Andacht, mit der Petra Lang das "Urlicht" intoniert, vermag nicht nur zu überzeugen, sondern auch anzurühren. Wenn der Kopfsatz etwas gemäßigter, "offizieller" daherkommt als gewohnt, hat das durchaus Sinn, denn schließlich handelt es sich hier um eine öffentliche "Todtenfeier", so der originale Titel des Satzes, der hier in seiner ursprünglichen Form als Beigabe ebenfalls eingespielt ist.
Es sei nicht verschwiegen, dass Chailly seinem im Grunde sachlichen, analytischen Mahler-Stil auch in seiner Interpretation der Zweiten nicht untreu geworden ist. Manches könnte vielleicht etwas unmittelbarer wirken, so das Trio des Scherzos, das ich mir entrückter vorstellen könnte, als erträumtes Gegenbild zu dem in diesem Satz geschilderten weltlich sinnentleerten Getümmel. Manchmal hat Chaillys Streben nach absoluter Deutlichkeit auch die Folge, dass das eine oder andere drei- oder vierfache Pianissimo eher als ein gesundes Piano erklingt.
Und letztlich ist es eher die rein musikalische Aussage, die von Chailly verwirklicht wird als der weltanschaulich-eschatologische Hintergrund. Wer die "Auferstehungs-Sinfonie" vor allem als mystisch-religiöse Botschaft versteht und hören möchte, wird eventuell von dieser Aufnahme enttäuscht werden. Für wen sie jedoch in erster Linie ein klanglich revolutionäres, zukunftsweisendes Meisterwerk bedeutet, der wird an Chaillys Einspielung nicht vorbeikommen.

Thomas Schulz, 18.04.2002



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