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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 9

Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado

Deutsche Grammophon 471 624-2
(81 Min., 9/1999) 1 CD

Claudio Abbados Zugang zu Gustav Mahlers großem sinfonischen Lebewohl ist nicht alltäglich, dafür umso überzeugender. Gerade in einem Werk, in dem extreme Gefühlswelten erschaffen werden und das viele Interpreten, nicht zuletzt Leonard Bernstein (Sony, DG), dazu bewegt hat, den letzten Tropfen Herzblut – und noch mehr – aus dem Notentext heraus zu pressen, mutet Abbados auf den ersten Blick fast etwas distanzierte Gangart recht ungewöhnlich an. Doch Abbado war eben nie ein Interpret, der seine eigene Persönlichkeit über die des Komponisten und der Partitur stellt.
Und so dirigiert er den Kopfsatz, aus dem viele seiner Kollegen ein Adagio machen, seiner Vortragsbezeichnung gemäß: Andante comodo. Bei Abbado ist die Musik noch nicht in jenen eisigen Höhen der Entpersönlichung angekommen, die diesen Satz oftmals als das erste Werk der Neuen Musik erscheinen lassen. Alles wird unter einem großen Bogen zusammengefasst; auch jene stockenden Passagen, in denen die Musik nur mit Mühe zu sich selbst zu finden scheint, sind lediglich Übergang, nicht die schwarzen Löcher, als die sie oft präsentiert werden. Das mag, vergleicht man Abbados Interpretation etwa mit der Giulinis (DG), etwas oberflächlich wirken, besitzt jedoch im Rahmen seiner Sichtweise durchaus Logik: Der Abschied kommt bei Abbado erst später, den Kopfsatz hingegen dirigiert er als überschwänglichen Hymnus auf das Leben. Und in diesem Überschwang scheut Abbado dann auch vor Extremen nicht zurück.
Das gilt auch für die beiden Mittelsätze, in denen Abbado Mahlers Ironie und Sarkasmus mit ungehemmter Lust an der Virtuosität verbindet. Das Ausmusizieren der Groteske im Ländler-Satz setzt sich bei ihm bis in die Coda fort, die man sich wohl desolater, desillusionierter vorstellen könnte. Die Rondo-Burleske bewegt sich bis zum Schluss in einer maliziösen Eleganz, in der man die manische Wut, mit der etwa Bernstein diesen Satz interpretiert hat, vergeblich sucht, die aber gerade in ihrer emotionalen Ambivalenz und dem schadenfrohen Spaß am Banalen umso verstörender wirkt. Und jene Vorausschau auf das Adagio-Finale bleibt hier wirklich nur Episode; für das Paradies ist in diesem eitel-weltlichen Getümmel noch kein Platz.
Im bewegenden Finale schließlich kommt Abbado ohne jede Larmoyanz aus; die Kämpfe wurden in den ersten drei Sätzen ausgetragen; jetzt kann in Ruhe und Gelassenheit Abschied genommen werden. Wie auch schon in seiner Interpretation der Siebten Sinfonie (siehe Rezension) gelingt es Abbado in diesem Konzert – das für die CD live aufgenommen wurde – die Berliner Philharmoniker, ohnehin eines der besten Mahler-Orchester, zu Höchstleistungen zu animieren; der Funke, der hier überspringt, wäre im Studio kaum zu zünden. Schade nur, dass die Klangqualität nicht optimal geraten ist. Besonders im ersten Satz erscheinen manche Instrumente über Gebühr hervorgehoben; einige Passagen klingen beinahe wie ein Konzert für Harfe und Orchester.

Thomas Schulz, 05.09.2002



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