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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 9

Wiener Philharmoniker, Bruno Walter

Naxos historical 8.110852
(71 Min., 1/1938) 1 CD

Die Sechste hat er nie dirigiert - sie war dem anthroposophischen gebildeten Steiner-Anhänger Bruno Walter zu pessimistisch, zu schwarz. Hätte er da nicht auch die Neunte, zumindest den dritten Satz mit seinem hämisch-dämonischen Höllengekreisch ablehnen müssen? Das war nicht der Fall, im Gegenteil: Walter hat das letzte vollendete Werk seines Lehrers und Freundes Gustav Mahler 1912, ein Jahr nach dessen Tod, in Wien uraufgeführt und es wie kein zweiter Dirigent in den folgenden Jahrzehnten der musikalischen Welt nahezubringen vermocht. Vor allem mit dem EMI-Mitschnitt vom Sonntagmorgen des 16. Januar 1938 im Alten Wiener Musikverein. Das Tondokument wurde letztes Jahr vom Label des britischen Restaurierungs-Spezialisten Michael Dutton neu aufgelegt und erscheint nun auch bei Naxos in der Reihe historischer Dirigenten.
Walter pries seine Assistenzzeit bei Mahler in Hamburg und Wien als seine entscheidenden Lehrjahre; sie habe ihm, der von Hause aus eher die große romantische Emphase als die strenge Partiturtreue bevorzugte, die notwendige Balance beider Pole beschert. Von ihr zeugt dieser Mitschnitt auf denkwürdige Art. Gerade hier, bei Mahlers großem instrumentalen, von Todesahnung geprägten Abschieds-Gesang, liegen überbordende Kartharsis-Gefühle und uferlose Resignations-Gesten besonders nahe. Wer nicht wie Leonard Bernstein das künstlerische Format hat, derartige Ausdrucksexzesse zu inszenieren, dem gerät die Neunte allzu schnell zum chaotischen, hollywoodesken Gefühlsmeer.
Nichts liegt Walter ferner. Geradezu introvertiert beginnt er das eröffnende Andante comodo, und die Thematik des gigantesken Satzes, die man bei allen "Kämpfen" zwischen Dur-Moll-Formenabschnitten als autobiografischen und musikhistorischen "Sprachverfall" bezeichnen könnte, lässt sich bei Walter so plastisch wie bei kaum einem anderen Mahler-Exegeten miterleben. Wie sehr ihm der vergötterte Lehrer rhythmische Strenge, zügige Tempi und orchestrale Durchhörbarkeit ins Lehrbuch schrieb, das lässt sich bei den expressionistisch anmutenden Mittelsätzen studieren.
Die sarkastische Zertrümmerung all dessen, was man musikalische Unterhaltung nennen könnte - Mahler wirft den Kurhausgästen sozusagen die Tassen um die Ohren -, wird hier auf verstörend progressive Art als luzider, polytonaler und polyrhythmischer Hexentanz aller Orchestergruppen inszeniert. Wie die vorausgehenden Sätze stellt das Schluss-Adagio schon äußerlich - mit seiner gerade mal achtzehnminütigen Dauer - Walters strikt unsentimentales Konzept unter Beweis ("normalerweise" nehmen Dirigenten sich fünfundzwanzig Minuten und mehr Zeit). Mahlers pathetische Todesmelodie versickert hier nicht tröpfchenweise im Nichts, sondern wird als strenger Schicksalsfaden vorgeführt, der einfach abreisst. Dass dieses "einfach" so berührt, ist wohl das Geheimnis von Walters Dirigierkunst. Bleibt noch ein Lob für die damaligen Toningenieure und heutigen Restauratoren, die zwar nicht die elenden Huster eliminieren, wohl aber ein für die Aufnahmezeit bemerkenswert plastisches Klangbild überliefern konnten.

Christoph Braun, 10.10.2002



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