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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 6

Orchestre National de France, Bernard Haitink

Naive/Harmonia Mundi V4937
(79 Min., 10/2001) 1 CD

Mahlers Sechste ist vielen Hörern fassbarer als die Fünfte und Siebte, vielleicht, weil sie uns von Bernstein oder Szell als negatives Heldenleben erzählt wurde. Ein grell-bleiches El-Greco-Licht scheint über der fortwährend erschütterten Erregungsszenerie zu liegen. Und über eine Stunde lauern wir auf die vernichtenden Hammerschläge. Selbst tröstliche Episoden wie die entrückten Almvisionen gerieten im reichlich illustrativen Geläut der vom Flageolett erregten Kuhherden zu eher bizarren Stationen auf den Weg hinab.
Vor einiger Zeit kam ein live-Mitschnitt mit Erich Leinsdorf (siehe Rezension), und da konnte man einmal hören, wie einer brach mit dieser interpretatorischen Überlieferung und die Katastrophenrhetorik außer Kraft setzte. Als Zerstörungsdrama verlor das Werk an dekadenter Folgerichtigkeit. Als viersätzige sinfonische Form gewann es. Haitink folgt diesem anti-katastrophischen Konzept vom ersten Schlag an. In der Formulierung tun sich allerdings Unterschiede auf.
Ein Kollege monierte in einer Rezension eine bedenklich unbalancierte Aufnahmetechnik. Man kann ihm beipflichten, manchmal scheint einem der Trianglist auf dem Schoß zu sitzen, von Streichern aber kommt nur ein warmer Wind hinauf. Doch wie in einem akustisch unausgewogenen Haus, in dem man einen schlechten Platz erwischt hat, bekommt man genug zu hören, um zu verstehen, was Haitink macht. Am Anfang trampeln einmal nicht imperiale Sturmtruppen alles nieder. Es steht nur "forte" da, und mehr gibt es bei Haitink auch nicht.
Das Attribut "schwungvoll" mag er dem zweiten "Alma-Thema" auch nur bedingt zugestehen. So glühend malt er sich die Dame nicht aus, als dass ihm das Metrum zerflösse wie dem ekstatischen Bernstein. Nein, nicht die Dame, sondern die Gegenwelt der Durchführung ist sein Sehnsuchtsziel. Keine hysterisch geschwenkten Kuhglocken stören die herrliche Bassklarinette bei ihrem Solo, derweil der Blick in seltsam irreale Ferne wandert.
Nur ungern verlässt Haitink diese unerhört subtil gemalte Entrückungsepisode. Lasten wir es nicht der Aufnahmetechnik an, dass er den "Subito"-Almabstieg ("sehr energisch", schreibt Mahler) nicht mit aller ff-Wucht nacherzählt. Harte, eindeutige Kontraste meidet er, erst recht emotionale Drücker. Wo immer Haitink Portamenti entdeckt - sein Ahn Mengelberg konnte sie nicht genug aufschmieren - drosselt er sie zur Unhörbarkeit, etwa in den kanonisch geführten Violinstimmen des Andante. Mag dies auch bewegende Kindertotenlied-Thematik sein, bei Haitink wird allenfalls in Taschentuch geschluchzt. Gefasst geht der Held seiner Vernichtung entgegen.
Genau wie Leinsdorf meidet Haitink die pathetischen Stauungen vor den berühmten Hammerschlägen. Nicht von aufgeregten, verfrühten Crescendi angekündigt, sondern aus brütendem Dunkel holt der Feind mit dem Hammer aus. Die vernichtenden Kräfte scheinen von außen einzubrechen. Erst auf den allerletzten Seiten wissen wir um die Unabwendbarkeit eines negativen Schlusses. Grabesdunkler, ermattender kann man den Bläserchoral nicht hören. Nicht von Anfang an haben wir erwartet, dass es so endet. Das macht diesen Mitschnitt groß.

Matthias Kornemann, 12.12.2002



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