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Gustav Mahler

Des Knaben Wunderhorn

Barbara Bonney, Sara Fulgoni, Gösta Winbergh, Matthias Goerne, Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Riccardo Chailly

Decca/Universal 467 348-2
(66 Min., 6/2000) 1 CD

Gustav Mahlers Orchesterlieder, unter denen die Gesänge nach Texten aus Clemens Brentanos und Achim von Arnims Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" eine zentrale Stellung einnehmen, üben bis heute eine spezielle Faszination auf den Hörer aus: Nur vordergründig gehören sie einfach zu jener relativ jungen Gattung, die Berlioz mit seinen "Nuits d'été" begründete und die nach Mahler u. a. durch Richard Strauss ("Vier letzte Lieder") glanzvolle Fortsetzung finden sollte. Tatsächlich kommt Mahlers Orchesterliedern eine Sonderstellung zu: Sie fungieren in hohem Maße als musikalische und inhaltliche Keimzelle für seine Sinfonien. Unter den "Wunderhorn-Liedern" sind "Des Antonius zu Padua Fischpredigt" und "Urlicht", instrumental wieder verwendet in der "Zweiten Sinfonie", und "Das himmlische Leben", das später zur "Vierten Sinfonie" führt, prominente Beispiele für diese enge Verflechtung. Außergewöhnlich sind im Falle der "Wunderhorn-Lieder" auch die musikalische Faktur und vor allem die Thematik: Von den Schrecken des Krieges bis hin zur launigen Tändelei zwischen einem Bub und einem Mädel wird hier ein breites Spektrum menschlicher Lebenswirklichkeit thematisiert, und dies mit einer bemerkenswerten, bisweilen grausamen Direktheit, die schon in den Gedichten angelegt ist und von Mahler auf geniale Weise verstärkt und konturiert wird. Wie treffend malt er in "Revelge" das erbarmungslose Marschieren in den Krieg, das für einen großen Teil der Soldaten in den Tod führt; mit welch schauerlicher Unerbittlichkeit berührt "Das irdische Leben" den Hörer, wo ein Kind - bis endlich die Mutter das Brot gebacken hat - verhungert; wie fröhlich-grotesk entrollt sich "Des Antonius zu Padua Fischpredigt". Mahler verstand es, jedem der Lieder einen völlig eigenständigen Charakter zu verleihen, jedes von ihnen zu einem prägnanten kleinen Meisterwerk zu verdichten.
Besonders die faszinierende Orchesterwelt der "Wunderhorn-Lieder" setzt Riccardo Chailly in seiner Neuaufnahme auf eindrucksvolle und sehr überzeugende Weise um: Seine umfassende Erfahrung mit dem sinfonischen Werk kommt ihm hier deutlich hörbar zu Gute. Selten hat man die Farbenvielfalt dieser Stücke so vollkommen, so unmittelbar sinnenfällig wahrgenommen. Unter seinen Sängern - er besetzt vier verschiedene Solisten, während viele vorausgegangene Aufnahmen sich auf zwei beschränkten - sticht vor allem Barbara Bonney hervor: Sie hat ihre vokalen Ausdrucksmittel im Laufe ihrer Karriere konsequent erweitert und vervollkommnet und begeistert nun mit einer sehr gut durchgebildeten, in allen Lagen klangvollen Sopranstimme, die ihr eine nuancenreiche Umsetzung der komplexen Gesänge ermöglicht. Gleiches würde man gern von Matthias Goerne sagen, dessen unverwechselbares Bariton-Timbre sich mit starkem Ausdruckswillen paart; seine nicht ganz freie, durch einen "Edelknödel" beeinträchtigte Stimmgebung muss allerdings als kleine Einschränkung Erwähnung finden. Als Interpret von "Revelge" meldet sich der auf dem CD-Markt nicht mehr allzu präsente Tenor Gösta Winbergh zurück: Seine engagierte Darbietung provoziert nicht das einzigartig beklemmende Grauen, das Fischer-Dieskau unter Szell (EMI) zu erwecken verstand, beeindruckt jedoch für sich genommen durchaus. Lediglich Sara Fulgoni bleibt im "Urlicht" ein wenig blass.

, 04.05.2003



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