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Charles Valentin Alkan

Concerto For Solo Piano, Troisième recueil de chants

Marc-André Hamelin

Hyperion/Codaex CDA 67569
(68 Min., 2/2006, 12/2006) 1 CD

Der Franzose Charles-Valentin Alkan (1813-1888), der unter seiner Bücherwand begraben wurde, soll ein wahrer Misanthrop gewesen. Trotz aller exzentrischen Wesenszüge war aber er zugleich einer dieser für das 19. Jahrhundert typischen, furchtlosen Tastendompteure – die ihren Spaß erst dann hatten, wenn sie ein wahres Feuerwerk an stürmischen Oktaven und barbarischen Rhythmen abbrennen konnten. Alkan ist daher genau das, was Marc-André Hamelin liegt. Doch Alkan war andererseits eben nicht einer dieser austauschbaren Salonlöwen. Seine mal kolossalen, mal handlichen Klangarchitekturen spickte er schließlich mit allerlei exotischen Überraschungen und traditionsbewussten Einfällen. Mit seiner gewohnt furchtlosen Gelassenheit bei den schwierigsten Pirouetten wie auch mit dem nötigen Feingefühl für die romantische Atmosphäre bringt uns daher Hamelin alle Reize eines eigentlich formalen Ungetüms nahe.
Aus der Sammlung "Douze études dans tous les tons mineurs" op. 39 ergeben die Nummern 8-10 das Concerto für Klavier solo, bei dem schon der erste Satz aus dem üblichen Rahmen fällt. Auf sage und schreibe 1343 Takte kommt das knapp halbstündige "Allegro assai" (was im Umfang selbst Beethovens Hammerklaviersonate überflügelt). Und was sich hier an glänzendem Passagenwerk auftürmt, während Momente des Innehaltens mit Chopin’scher Delikatesse und Liszt’scher Rhapsodik spielen, wird nun schlichtweg ein Erlebnis. Was gleichermaßen für die gedankenverlorene Tiefe des "Adagio" und nicht zuletzt für das Finale "Allegretto alla barbaresca" mit seinen marschartigen bis nordafrikanischen (!) Infusionen gilt. Weil Hamelin jedoch neben seiner Vollblut-Musikalität auch noch musikantisch unerschöpfliche Reserven besitzt, hat er noch die sechs Miniaturen "Troisième recueil de chants" op. 65 drangehängt – die man auf keinen Fall als Reminiszenz an Mendelssohns Lieder ohne Worte hören sollte. Dafür steckt schon zu viel visionäres Gedankenfutter drin. Wie in der "Barcarolle", die die Moderne eines Claude Debussy vorauszuahnen scheint.

Guido Fischer, 30.11.2007



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