Responsive image
Joseph Haydn

Klaviersonaten Vol. II

Alan Curtis

Stradivarius/Harmonia Mundi STR 33522
(79 Min., 11/1997) 1 CD

Diese CD weckt beim Anhören augenblicklich mein schlechtes Gewissen: Sonst ein glühender Verfechter der Verwendung historischer Instrumente, habe ich einzig mit den frühen Formen der Hammermechanik bei Klavierinstrumenten ein Problem. Während etwa eine Barock-Oboe dem Hörer einen völlig neuen Klangkosmos von ganz eigenständiger Qualität eröffnet, klingt ein Fortepiano aus den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts nur im Rückblick auf das dynamisch und klanglich wenig flexible Cembalo vorteilhaft.
Selbstverständlich ist es faszinierend, welche Nuancierung des Ausdrucks plötzlich in jeder einzelnen Phrase, ja in der Gestaltung jedes einzelnen Tones möglich ist, und wie erfindungsreich ein Komponist wie Joseph Haydn von diesen neuen Möglichkeiten Gebrauch macht. Hier ist übrigens auch der "Erlebnischarakter" dieser CD angesiedelt, denn Alan Curtis versteht es, die Welt von Haydns Klaviersonaten wirklich zum Sprechen zu bringen, und die beiden für die Aufnahme verwendeten Instrumente repräsentieren mit ihrer Prellzungenmechanik den klavierbautechnischen Standard der Entstehungszeit dieser Sonaten. Haydns Inspiration durch diese Technik ist sogar nachweisbar, denn er erwarb 1788 ein Instrument des Klavierbauers Schantz.
Andererseits treten jedoch Rauheiten im Klang auf, die ihren Grund wohl im Entwicklungsstand der noch jungen Technik haben: Bei stärkerem Anschlagen wächst der Nebengeräusch-Anteil des Tones oft recht stark, und es entsteht ein Verzerrungseffekt. Sicher ist unser heutiges Hörvermögen durch den brillanten, ausgewogenen, bisweilen möglicherweise auch etwas sterilen Klang des modernen Konzertflügels bezüglich der Reize des Fortepianos etwas verarmt. Ich habe bei mir nach längerem Hören einen Sympathiezuwachs für den Fortepiano-Klang festgestellt. Ein übriges tut Alan Curtis mit seiner geistvollen Interpretation dieser reifen Klaviersonaten Haydns.

Michael Wersin, 04.07.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top