Responsive image

European Songbook

Cécile Verny

Minor Music/In-Akustik
(64 Min., 1/2004) 1 CD

Der transatlantische Graben wird immer tiefer. Konnten böse Zungen früher noch behaupten, der europäische Beitrag zum Jazz habe wahlweise nur in der grenzenlosen Bewunderung der amerikanischen Künstler oder im pampigen Zu-Schrott-Spielen der US-Tradition bestanden, so befinden wir uns seit einiger Zeit in einer neuen Phase. Man hat sich beispielsweise inzwischen daran gewöhnt, dass vor allem die Skandinavier mit digitalem Selbstbewusststein gegen den amerikanischen Improvisationsimperialismus angehen.
Die Sängerin Cécile Verny, geboren an der Elfenbeinküste, aufgewachsen in Frankreich, wohnhaft im Schwarzwald, tut nun den nächsten Schritt. Sie stellt süffig und süffisant klar, dass das so genannte "Great American Songbook" ohne die Europäer um einige seiner schönsten Kapitel ärmer wäre. Das Perfideste ist jedoch: Verny bedient sich dabei hemmungslos amerikanischer Urtugenden. Die Arrangements von Carine Bonefoy, Ralf Schmid, Michael Gibbs und Mike Abene gehen ausgesprochen liebevoll mit den Melodien um und schrecken auch nicht vor geradezu melodramatischen Wendungen zurück (jawohl: die Version von Sacha Distels "The Good Life" ist zum Heulen toll). Das Ganze swingt zuweilen wie der Teufel (verantwortlich dafür ein fabelhaftes französisch-englisch-deutsches Septett), und Verny singt dazu wie ein Engel. Ihr "European Songbook" erinnert entfernt an Dee Dee Bridgewaters Kurt-Weill-Annäherung von vor drei Jahren; mit dem Unterschied, dass Vernys klare, unaufgeregte Stimme irgendwie besser zu Weill, Charles Trenet, Michel Legrand oder Toots Thielemans passt als Bridgewaters Organ. Sieg für Europa auf der ganzen Linie.

Josef Engels, 05.02.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top