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Olivier Messiaen

Éclairs sur l'Au-delà

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

EMI 557 788-2
(60 Min., 6/2004) 1 CD

Im absoluten Spätherbst seiner musikalischen Himmelfahrten hatte Olivier Messiaen nicht nur die Glaubensspitze erreicht, als er sich die Offenbarung des Johannes neben die Partitur seines letzten Orchesterwerks legte. Wer wie Messiaen ein Schöpfer vor dem Herrn war, der ließ noch einmal Dutzende Vögel durch "Éclairs sur l'au-delà" flattern, tirilieren und gurren. Obwohl Messiaen bei Fertigstellung dieser von Zubin Mehta für die New Yorker Philharmoniker in Auftrag gegebenen Komposition bereits 74 Jahre alt war, fehlt hier, wie überhaupt in seinem gesamten Werk, der schale Weihrauchduft. Es ist erneut diese wunderbare Balance aus Meditation und Faszination am rhythmischen und klangfarblichen Reichtum der Vogelwelt, mit der Messiaen selbst den Ungläubigsten packt. Und genau dieses visionäre Vermächtnis Messiaens nimmt nun Simon Rattle mit den Berliner Philharmoniker nicht im Lotussitz entgegen, sondern beim Wort und macht aus diesem Alterswerk einen Jungbrunnen.
Gleich zu Beginn dieser elf-sätzigen Wanderung, an deren Ende Christus und das erleuchtete Paradies stehen wird, treten die Blechbläser mit einer getragenen Hymne ein, die in ihrer Sanftheit schon voll Zuversicht steckt. Und was sich hier wie ein dunkles, riesiges Kathedralenschiff aufbaut, lässt doch stets reichlich Schlupflöcher, durch die dann Vögel aus aller Welt hineinspringen. Aus Griechenland und Kenia, aus Südamerika und Australien. All diesen Piepmätzen macht Rattle effektvoll Flügel, kommen die einzelnen Gesänge mit gestochen scharfer Vitalität und Kunstvermögen daher. Das Jenseits ist hier noch in weiter Ferne, Rattle inszeniert selbst im lyrisch-dunklem Satz "Demeurer dans l'Amour" die Streicherbewegungen wie Wolken am Sommerhimmel, dabei nimmt er den Mahler-Ton nicht nostalgisch. Von dieser Musik kann man süchtig werden.

Guido Fischer, 20.11.2004



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