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Alexander von Zemlinsky, Karl Amadeus Hartmann

Lyrische Sinfonie, Gesangsszene

Julia Varady, Dietrich Fischer-Dieskau, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Lothar Zagrosek

Orfeo C 535 001 B
(69 Min., 8/1982, 8/1984) 1 CD

Größe und Grenzen Dietrich Fischer-Dieskaus werden auf dieser CD mit Salzburger Festspieldokumenten in eindrucksvoller Weise hörbar. Konzertmitschnitte, mittlerweile in großer Anzahl auf CD erhältlich, lassen erkennen, wie rückhaltlos er auf der Bühne seine Stimme in den Dienst des Ausdrucks stellte, viel mehr noch als im Studio, wo er stärker mit seiner einzigartigen Kopfstimme zu zaubern und im oberen dynamischen Bereich mikrofongerecht zu dosieren pflegte.
In der unvollendeten "Gesangsszene", die der 1963 verstorbene Karl Amadeus Hartmann für Fischer-Dieskau komponiert hatte, fasziniert der Sänger, der oft als "Vermittlungsgenie" charakterisiert wurde, mit sprachlicher Prägnanz und ausgefeilter Gestaltung. Der von Hartmann zur Vertonung gewählte apokalyptische Ausschnitt aus "Sodom und Gomorrha" von Jean Giraudoux, in dem vom plötzlichen, unerwarteten Untergang einer hoch technisierten, für perfekt gehaltenen Welt die Rede ist, erwächst durch Fischer-Dieskaus Interpretation zu eindringlicher, Schrecken erregender Plastizität.
Wer Fischer-Dieskau im Konzert erlebt hat, weiß jedoch, dass er nicht nur mit seiner Stimme, sondern auch mit seiner imposanten Gestalt und seiner Körpersprache magisch auf den Hörer wirkte. Mit zunehmendem Alter gelang es ihm, stimmliche Schwächen auf diese Weise zu kompensieren. Reduziert auf den bloßen Höreindruck, muss eine CD-Aufnahme die häufige Überforderung der Stimme allerdings viel stärker in den Vordergrund treten lassen: Unter hohem Atemdruck gebildete Töne geraten in unkontrolliertes Vibrieren, allzu breit und offen angesetzte Passagen klingen rau und angestrengt, weil die vokalen Mittel überbeansprucht werden. Dazwischen jedoch immer wieder zauberhafte, überwältigende Abschnitte im Mezza Voce: Hier ist Fischer-Dieskau in seinem Element, hier ist seine Darbietung vollkommen im Lot.
Einen ähnlich ambivalenten Eindruck hinterlässt die 1982 mitgeschnittene "Lyrische Sinfonie" Alexander von Zemlinskys, ein monumentales Werk in der Tradition von Mahlers "Lied von der Erde". An Fischer-Dieskaus Seite ist hier seine Frau Julia Varady zu hören, die erst im vorletzten Satz zu derselben Intensität in Ausdruck und Sprache gelangt wie ihr Partner. Vorher mangelt es ihr an präziser Diktion, und ihr Gesang versinkt mehr als einmal unkonturiert in den Orchesterfluten. Fischer-Dieskaus Gesang lässt auch hier bei aller Perfektion und Durchgestaltung immer wieder stimmliche Grenzen erkennen. Was die CD dennoch hörenswert macht, ist neben ihrem dokumentarischen Wert vor allem die Leistung des Radiosinfonieorchesters Wien unter Leitung von Lothar Zagrosek.

Michael Wersin, 12.10.2000



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