Viele von Jacques Offenbachs Buffonerien sind bis heute Verfügungsmasse für Interpreten geblieben, ihre Aufführungsgeschichte ist voller Eingriffe und Bearbeitungen. Auf die musikwissenschaftliche Trüffelsuche nach Urfassungen machen sich daher zwei Musikverlage in Kooperation mit dem französischen Dirigenten Marc Minkowski. Nach dem ersten Praxistest der rekonstruierten Originalpartitur von Offenbachs Opéra-bouffe "La Belle Hélène" widmete sich Minkowski 2004 einer weiteren berühmten Offenbachiade. Und erneut war es die Sopranistin Felicity Lott, die diesmal als La Grande-Duchesse de Gérolstein (Die Großherzogin von Gerolstein) vergeblich dem jungen Soldaten Fritz hinterher läuft. Offenbach wäre aber nicht der geniale Chronist der Belle Epoque, wenn er dieser Liebes-Schmonzette mit halbem Happy End nicht einen doppelten Boden eingezogen hätte. Kriegstreiberei, Hurra-Patriotismus, diplomatische Muskelspiele - das alles gehörte 1867 zum politischen Tagesgeschäft. Und dafür ließ er mit den Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy im Operettenstaat Gerolstein reichlich säbelrasselndes und intrigantes Militär aufmarschieren, angeführt vom Oberbefehlshaber Boum.
In den heute gespielten Fassungen fehlen Arien und Duette, die Offenbach aus dramaturgischen Gründen aus der Uraufführungspartitur gestrichen hat. Teilweise zu Recht, wie die jetzt von Jean-Christophe Keck eingerichteten Originalnoten zeigen. Denn bis auf die erstmals seit 1867 wieder zu hörende große Herzogin-Arie zu Beginn des dritten Aktes stockt es doch bisweilen in den Dialogen, und der fulminante Melodienwurf, den Offenbach ansonsten aus dem Ärmel schütteln konnte, fehlt weitgehend. Dafür zeigt Marc Minkowski in den Cancans, Walzern und Ensembleszenen, wie jede musikphilologische Verkniffenheit in die Flucht geschlagen werden kann. Gleich zu Beginn fliegen die präzis aufgereihten Tonketten derart wild und gefährlich umher, dass man fast in Deckung gehen muss. Zumal Minkowski das Tempo noch einmal anzieht, bis diese fast kaltblütige Stakkato-Maschinerie im lauten Stretta-Getöse auseinander zu brechen droht. Daraus entwickelt er sein berühmtes, funkenschlagendes Musiktheater-Temperament, mit dem er den auf historischem Instrumentarium musizierenden Musiciens du Louvre delikate Lässigkeiten und subtilsten Charme entlockt. Felicity Lott legt derweil mit ihrer wandlungsfähigen, großartig präsenten Stimme mal grellen, mal geschmeidigen Puder auf, um nicht nur äußerlich mit den Hüften zu wackeln. Und auch die geschniegelte Prinzengarde um Yann Beuron als General Boum weiß ihren komödiantischen Esprit so stimmgewaltig umzusetzen, dass dabei eigentlich jeder Knopf von der Uniform springen müsste.

Guido Fischer, 03.12.2005



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