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Charles Ives

Lieder, Orchesterstücke

Thomas Hampson, San Francisco Symphony Orchestra, Michael Tilson Thomas

RCA/BMG 09026 63703 2
(65 Min., 10/1999) 1 CD

Natürlich kommt ein Klangporträt vom Vater der amerikanischen Moderne nicht ohne seinen experimentellen Klangtraum-Klassiker "The Unanswered Question" aus. Doch die von Michael Tilson Thomas zusammengestellte "American Journey" beweist selbst mit unbekannteren Filetstücken, welche Sprengkraft immer noch in dem riesigen Werkkatalog von Charles Ives steckt. Wie Ives vor knapp einem Jahrhundert Traditionelles und Avanciertes aufeinander zurasen ließ; wie er Folksongs aus dem Neuengland ins orchestrale Säurebad warf - das kennt in der erfrischend verstörenden Wirkung weiterhin keine Halbwertszeit.
Die aus den Hunderten von Liedern ausgewählten Demonstrationen von Ives' Komplexität verwandeln Michael Tilson Thomas und Thomas Hampson mit der auf- wie anregendsten Beweglichkeit. Mal erzählt Hampson die Geschichte vom Cowboy Charlie Rutlage in lässiger Western-Haltung, während Tilson Thomas mit turbulenten Clustern dagegenhält. Dann wieder hüpft Hampson in "Memories" erst mit dem Pianisten Tilson kokett und pfeifend durchs Opernhaus, um mit verführerisch bitterem Schmelz vergangene Zeiten zu besingen.
Was hier noch in seiner Polystilistik übersichtlich bleibt, verwandelt sich in Orchesterstücken wie "From The Steeples And The Mountains" zur grellen Parforce-Tour. Fast zügellos türmen sich dissonante Akkorde, lyrische Unruheherde und farbenreiche Brillanz, stellt die amorphe Materialschlacht jede Andeutung vom typisch US-amerikanischen Hymnenpathos auf den Kopf.
Das Orchester mag sich dabei die Finger wundgespielt haben. Was man aber diesem fantastischen Klang-Porträt zu keinem Zeitpunkt anhört.

Guido Fischer, 28.02.1999



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