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Giovanni Pierluigi da Palestrina

Missa de Beata Virgine I (1567)

Solisten der Cappella Musicale di S. Petronio di Bologna, Sergio Vartolo

Naxos 8.553313
(55 Min., 1995) 1 CD

Der Name "Missa de Beata Virgine" ordnet diese 1567 entstandene Vertonung des Messordinariums von Palestrina der Verwendung an den Marienfesten des Kirchenjahres zu. Sergio Vartolo, der Dirigent dieser Aufnahme, kombiniert Palestrinas vierstimmige Komposition daher mit gregorianischen Propriumsgesängen aus dem "Commune Beatea Mariae Virginis" des "Graduale Romanum" und fügt vor dem "Alleluja" eine Orgelparaphrase über den Hymnus "Ave Maris Stella" von Girolamo Cavazzoni ein. Die so erfolgte Anreicherung mit weiterer liturgischer Musik verschafft dem heutigen Hörer, der diese einst den Normalfall darstellende musikalische Gestaltung des Gottesdienstes nur noch selten in der Praxis erleben kann, einen umfassenden Eindruck zumindest vom musikalischen Aufbau einer lateinischen Messe.
So sehr sich Sergio Vartolo mit dieser Praxis um die historisch korrekte Präsentation der Palestrina-Messe bemüht, so wenig legt er gleichzeitig Rechenschaft ab - das CD-Beiheft wäre der Ort dafür - über verschiedene Eigenheiten der Interpretation. Gegen die Ausführung der Messkomposition mit einem reinen Männerensemble, dessen Alt- und Sopranlage jeweils mit einem Falsettisten besetzt ist, lässt sich ebensowenig einwenden wie gegen die einfache Besetzung der Einzelstimmen, wenn diese auch wohl keineswegs den Normalfall dargestellt haben wird. Warum aber erklingen die gregorianischen Gesänge, die bis auf die Psalmverse zweifelsfrei von einer Schola ausgeführt wurden, durchweg solistisch?
Fragwürdig ist ebenfalls die "Emotionalisierung" sowohl des einstimmigen gregorianischen wie auch des mehrstimmigen Gesangs durch starkes Abphrasieren und übermäßiges "Messa di Voce". Ein eigenartig unruhiges Klangbild erzeugen die Sänger der "Cappella Musicale di S. Petro di Bologna" durch die sehr individuelle Gestaltung ihrer Gesangslinien, nur selten kehrt so die nötige Ruhe ein, um die vertikale, harmonische Gestalt der Komposition hervortreten zu lassen. Wird hier nicht Kirchenmusik der Renaissance, die ihren klanglichen Gehalt eher durch eine etwas ebenmäßigere, am Bläserklang orientierte Vortragsweise offenbart, durch die Brille des barocken "Affettuoso" interpretiert?
Auch die Stimmgebung der einzelnen Sänger vermag nur teilweise zu überzeugen: Während der Bassist und der Sopranist über eine klare, prägnante Technik mit guter Textverständlichkeit zu verfügen, klingen die beiden Mittelstimmen leider sehr guttural und verquollen. Die stellenweise getrübte Intonation tut ein Übriges, um diese Aufnahme trotz ehrgeizigen Konzepts deutlich hinter der von anderen Ensembles gewohnten Qualität zurückbleiben zu lassen.

Michael Wersin, 17.08.2000



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