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Francis Poulenc, Gian Carlo Menotti

The Telephone, La voix humaine

Carole Farley, Russell Smythe, Scottish Chamber Orchestra, José Serebrier

VAI/Codaex 4374
(64 Min., 1992) 1 DVD, Format 4:3, Region Code 0

Ist die Protagonistin in Francis Poulencs Einakter "La voix humaine" nach Jean Cocteau eine berechnende Zicke, die ihre Verzweiflung über die Trennung von ihrem Geliebten und sogar ihre Selbstmordabsichten wohl dosiert einsetzt, oder ist sie ein armes, schrecklich bedauernswertes Würmchen, das den Zuschauer in seiner hoffnungslosen Verlassenheit und Einsamkeit fast zu Tränen rührt? Beide Deutungen des Stücks wurden schon versucht – dem Autor dieser Zeilen hingegen liegt die letztere näher, sehr eindrucksvoll umgesetzt z. B. von Felicity Lott auf CD; sie scheint doch auch mit Poulencs ergreifender musikalischer Ausgestaltung deutlich besser zu kongruieren. Carole Farley allerdings, die die junge Frau in der vorliegenden Produktion auf einer zeitgemäß ausgestatteten Bühne (man sieht ein bürgerliches Zimmer mit Mobiliar der 30er oder 40er Jahre) verkörpert, vermag das Publikum nicht wirklich zu rühren, denn sie kann die attitüdenhaft-intrigante Beißzange nie ganz verbergen. Selbst wenn sie erzählt, sie habe in der vergangenen Nacht eine Menge Schlaftabletten eingenommen, um nicht mehr aufwachen zu müssen, scheint sie ihren unsichtbaren Telefonpartner gleichzeitig noch aufmerksam zu belauern. Kurzum: Die existentielle Ausnahmesituation, in der sich die Frau befindet, wird nicht mit gebührender Schärfe und Eindringlichkeit vermittelt.
Besser kommen Carole Farleys Qualitäten in Gian Carlo Menottis Oper "The Telephone" zur Geltung, in der sie eine am Hörer klebende, klatschsüchtige Schreckschraube zu verkörpern hat, die einen Heiratsantrag, den ihr Freund ihr (warum auch immer) permanent zu machen versucht, schließlich nur auf telefonischem Wege anzunehmen in der Lage ist. Menotti serviert übrigens musikalisch deutlich leichtere Kost als der subtile Poulenc, seine Protagonisten kann man nur mit viel Humor ertragen, sonst nerven sie. Und Carole Farley überzeugt, wie gesagt, bei Menotti eher als bei Poulenc; in beiden Fällen stört allerdings ihr etwas ausgeschlagenes Stimmmaterial und der schreckliche Registerbruch, über den sie ständig geräuschvoll hinwegschliddert.

Michael Wersin, 12.01.2007



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