Franz Schubert

"Das letzte Jahr" (Schwanengesang u. a.)

Michael Schade, John Mark Ainsley, Anthony Rolfe Johnson (Tenor), Graham Johnson (Klavier) u. a.

Hyperion/Koch CDJ33037
(79 Min., 1998/1999) 1 CD

Mit der 37. Folge legt der Pianist Graham Johnson nun den letzten Teil seiner 1987 begonnenen "Hyperion Schubert Edition" vor. Die CD enthält neben dem "Schwanengesang", jene vom Verleger postum zum Zyklus zusammengestellten Werk nach Rellstab und Heine zuzüglich der "Taubenpost", sechs weitere Lieder, von denen die meisten mit Sicherheit in Schuberts letztem Jahr 1828 komponiert wurden.
Am Anfang steht "Auf dem Strom" für Gesang, Horn und Klavier, das weniger bekannte Gegenstück zum "Hirt auf dem Felsen". Mit diesem umfangreichen Werk stellt sich als erster der drei Tenöre der CD Michael Schade vor. Seine hell timbrierte Stimme mit deutlichem Schwerpunkt in der (sehr) hohen Lage eignet sich gut für die zauberhaft in großen Bögen dahin fließenden Melodien. Auch in den anderen drei ihm übertragenen Liedern kommt Schade seine Tessitura zu Gute. Als kleine Einschränkung ist höchstens sein bisweilen allzu burschikoser, fast trotziger Zugriff auf Schuberts Kantilenen zu werten, der vielleicht manchmal, aber nicht immer angemessen scheint.
Den "Schwanengesang" verteilte Graham Johnson auf zwei Sänger von ähnlicher Stimmfärbung, um sowohl die Eigenständigkeit der beiden Hälften als auch deren dem Publikum vertraute Zusammengehörigkeit zu bewahren. Der erste Teil fällt John Mark Ainsley zu. Zunächst vertraut man sich zögernd dieser typisch englischen Tenorstimme an mit ihrer sehr gebündelten, kopfigen Führung in der Höhe und einer ausgeprägten Neigung zum Vibrato. In den ersten beiden Liedern, der "Liebesbotschaft" und dem auch in Originallage tiefen "Kriegers Ahnung", fehlt dem Kenner von Fischer-Dieskaus erster Einspielung jener warm ummantelte, weiche Baritonklang. Spätestens ab "Frühlingssehnsucht" jedoch überzeugt Ainsley durch seinen virtuosen Umgang mit dem Text, der sich ganz natürlich in die geschmeidig vorgetragenen Gesangslinien einfügt, dabei aber kein bisschen von seiner gerade bei Schubert so wichtigen Bedeutung und Aussagekraft verliert. Ainsley gelingt es auf diese Weise auch, das schwer zugängliche "In der Ferne" unmittelbar verständlich zu machen, und hier wie in dem vorausgehenden "Aufenthalt" verstärkt die hohe Lage eindrucksvoll den Aufschrei-Charakter einiger exponierter Phrasen.
Anthony Rolfe Johnson, bei uns eher als Oratorientenor bekannt, übernimmt schließlich den zweiten Teil des "Schwanengesang". Seine nicht mehr ganz junge Stimme schwingt in den dramatischen Attacken des "Atlas" in ein starkes Vibrato aus, was allerdings der Intensität gerade dieses Liedes keinen Abbruch tut: Bezieht man den Text, mit einigem Recht, auch auf Schuberts Existenz, so hört man den erschütternden Gesang eines früh gealterten, ausgezehrten, geistig jedoch jung gebliebenen Mannes. Im "Fischermädchen" steht Rolfe Johnson hingegen der berückenden Weichheit Fischer-Dieskaus in nichts nach; dieses Lied gehört zu den Höhepunkten der in weiten Teilen ausgesprochen überzeugenden CD.

Michael Wersin, 30.11.2000



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