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Franz Schubert

Die Winterreise D 911, Schwanengesang D 957

Gérard Souzay, Dalton Baldwin

Testament/Note 1 SBT2 1260
(126 Min., 1972, 1975, 1976) 2 CDs

In den siebziger Jahren, so schreibt Jürgen Kesting, wies die Stimme von Gérard Souzay "deutliche Verschleißerscheinungen" auf. Dieser Aussage muss man unter dem Höreindruck seiner Winterreise (1975/76) und seines Schwanengesangs (1972) leider beipflichten und könnte damit diese Rezension diskret beenden, wäre nicht Souzay einer der ganz großen Liedsänger des 20. Jahrhunderts gewesen, dessen Interpretationsleistung auch unter so erschwerten Bedingungen immer noch Beachtung verdient.
Was war geschehen mit der wundervollen Baritonstimme dieses unermüdlich engagierten Mentors deutschen und französischen Lied-Repertoires? Hört man Souzays frühere Aufnahmen genau an, so verwundern die Blessuren nicht: Auch früher hatte er bereits Probleme mit dem Fokussieren mancher Vokale in der hohen Lage, und der warme, weiche Klang seines Materials entfaltete sich nicht immer auf der Basis eines optimalen Stimmsitzes. Solche Mängel führen bei permanenter Belastung, wie sie ein anstrengendes Sängerleben mit sich bringt, unweigerlich zu Ermüdungserscheinungen. Diese wirken sich auf den vorliegenden CDs in Form von matter, eigenartig unsicherer Stimmgebung aus; hinzukommen in der Höhe kraftlos überhauchte Töne. Allgemein bedingt die stimmliche Müdigkeit zudem deutliche Intonationsunsicherheiten. Im Fall der Winterreise vermag man sich an dieses Klangbild streckenweise gar ein wenig zu gewöhnen: Warum soll ein so vom Leben gebeutelter und bis zur völligen Erschöpfung getriebener Protagonist, wie er hier von Schubert auf die Reise geschickt wird, nicht müde und erschöpft klingen, ja warum sollte er schön und makellos singen? Wichtiger ist hier die Ausdrucksdichte von Souzays Gesang, die auch sein stimmliches Debakel nicht zu vereiteln vermag. Problematischer verhält es sich allerdings beim Schwanengesang: Die zärtliche "Liebesbotschaft" kann mit so eingeschränkten Mitteln ihren Reiz ebenso wenig entfalten wie das "Fischermädchen" oder die "Taubenpost". Bleibt zu hoffen, dass Jürgen Kestings für den Rezensenten momentan nicht überprüfbare Beobachtung, Souzay habe sich in den achtziger Jahren wieder erholt, zutreffend ist; als Schlusspunkt einer großen Karriere wären diese Einspielungen denn doch zu betrüblich.

Michael Wersin, 02.08.2003



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