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Franz Schubert, Georg Friedrich Haas, Anton Bruckner

Torso, 9. Sinfonie (Finale)

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Peter Hirsch

Sony CD 87316
(59 Min., 9/2002) 1 CD

Endlich ist mal wieder was los in Klassik-Theorie und -Praxis! Denn seitdem sich Dirigent Peter Hirsch mit einer eigenen Fassung von Bruckners Fragment gebliebenem Finale aus der 9. Sinfonie vor die akademischen Bruckner-Hüter gewagt hat, ist ein heftiger Richtigkeitsstreit entbrannt. Empört wird Hirsch da mehr als nur die ungenaue Lesart der Bruckner-Skizzen vorgeworfen. Dass Hirsch dabei weniger den musikwissenschaftlichen Meisterbrief per punktgenauer Nachlasspflege erwerben als eher einen Eindruck vermitteln wollte, welche Spannungsgrade zwischen Stille und Nicht-Stille herrschen können, wird leider übersehen. Schließlich lässt sich oftmals und wie jetzt gewinnbringend über das phantasieren, was nicht da ist. Genau darum geht es in den fünf überlieferten Bruckner-Miniaturen, die Hirsch jedoch nicht verklärt. In und zwischen ihnen legt er eine lodernde Ausdrucksgewalt frei, die über das tatsächlich Hörbare hinausweist.
Unvollendete Werke gibt es auch bei Franz Schubert zuhauf. Der Österreicher Georg Friedrich Haas, dessen Oper „Die schöne Wunde" im August mit Riesenerfolg bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt worden ist, näherte sich in der Auftragskomposition „Torso" der Klaviersonate C-Dur D. 840 mit offensiver Hintergründigkeit. Über die Orchestersprache des 20. Jahrhunderts, über die Exponierung von dissonanten Kraftfeldern und an Gustav Mahler orientierten Melodie-Gebilden erweckt Haas das Original zu einem aufregend taumelnden, auch dank eines Akkordeons bis ins Phantasmagorische reichenden Abenteuer. Denn auch hier gilt: die musikalische Wahrheit steckt nicht immer im allerheiligsten Notendetail.

Guido Fischer, 20.09.2003



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