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Franz Schubert

Die Schöne Müllerin

Ian Bostridge, Mitsuko Uchida

EMI 557 827-2
(63 Min.) 1 CD

Man sollte seine stimmlichen und interpretatorischen Mittel schon absolut sicher zur Verfügung haben, wenn man sich mit demselben Stück ein zweites Mal auf dem Tonträgermarkt präsentiert und dem Publikum so die komfortabelste Möglichkeit des Vergleichs mit der eigenen früheren Leistung bietet: Nicht wenige Künstler haben sich damit wahrlich keinen Gefallen getan - man denke an Fischer-Dieskaus zahlreiche Mehrfacheinspielungen, die über die Jahrzehnte hinweg oftmals vor allem seinen stimmlichen Verfall samt Kompensationsversuchen durch deklamatorische Überlastung des Vortrags offenbaren.
Ian Bostridges zweite Einspielung der Schönen Müllerin - die erste entstand 1995 mit Graham Johnson im Rahmen der Hyperion Schubert Edition (Hyperion/Codaex) - weckt diese Assoziationen leider schon beim punktuellen Parallelhören. Während der knapp zehn Jahre, die zwischen den beiden Aufnahmen liegen, hat sich Bostridges Kopfstimm-Lastigkeit deutlich verstärkt: Die Spitzentöne vieler melodischer Bögen flattern ihm heute vibratoreich und obertonübersättigt davon (gut zu beobachten gleich im zweiten Lied), während er sie 1995 noch verhältnismäßig gut zu kontrollieren und in seine Mittellage einzubinden vermochte. Dabei sei das kopfige Timbre nicht etwa prinzipiell abgelehnt, war es doch zur Zeit Schuberts sicher ausgeprägter im Gebrauch als heute; problematisch ist nur die tendenzielle Abtrennung des oberen Bereichs der Skala vom Brustregister, wie sie bei Bostridge zu erleben ist: 1995 klang seine Stimme insgesamt noch dunkler und satter, dabei ausgeglichener und besser fokussiert. Er hatte es daher damals noch nicht nötig, auf sprachlich-deklamatorischer Ebene zu tricksen - fatales Vorbild Fischer-Dieskau! -, so wie er das heute z. B. im fünften Lied ("Feierabend") tut: Warum singt er in hilfloser Übersteigerung des Affekts "dass die schöne Müllerin-nne"? Warum steigert er kurz zuvor das zweite ("und das liebe Mädchen sagt allen eine gute Nacht" unmotiviert zum aggressiven Aufschrei, wo er in der früheren Aufnahme noch durch fein dosierte Intensität und innere Spannung die (hier ja immer noch von Hoffnung auf Erfüllung geprägte) Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringt, dass die Müllerin sich von allen gleichermaßen herzlich, aber bestimmt verabschiedet. Und wer an dieser Stelle noch zweifelt, der höre sich die hohen A’s der "Ungeduld" an: Sie sind gegenüber der früheren Einspielung um einiges dünner und rauer ausgefallen. Wohlgemerkt: Hier ist von einem gerade vierzigjährigen Sänger die Rede.
Viele weitere Einzelaspekte könnten angeführt werden, die diese Neuversion der Schönen Müllerin in Frage stellen, denn eine tiefere Auseinandersetzung, eine überzeugende neue Sichtweise des Stücks wird hinter all diesen Veräußerungen einstmals in sich geschlossener Expressivität nicht hörbar. Die Schöne Müllerin bleibt stets ein Drama um das vergebliche Streben nach Erfüllung eines hohen Liebesideals, das nur mit dem tod-traurigen, aber friedvollen Rückzug in den liebevollen Schoß der allumfassenden Natur enden kann; die Müllerin wird dagegen niemals zur eisigen Winterreise eines vereinsamt umherirrenden, sich und sein Umfeld sezierenden Intellektuellen in biedermeierlichem Umfeld, der zum Überleben verurteilt ist. Sie erfordert jugendfrische Unmittelbarkeit und herzzerreißende Wehmutsfülle. Daher vielleicht hat Fischer-Dieskau die Müllerin in späteren Jahren nicht mehr neu eingespielt.

Michael Wersin, 12.03.2005



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