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Sergei Rachmaninow, Sergei Tanejew, Anatol Ljadow, Mili Balakirew

Sonata Nr. 2, Islamey u.a.

Olga Kern

harmonia mundi HMU 907399
(75 Min., 7/2004) 1 CD

Als Olga Kern Anfang 2004 Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert präsentierte, gab es einiges zu meckern: Allzu wenig bot die Aufnahme vor dem Hintergrund zeitgleicher anderer Neuinterpretationen des Werks. Indes war anzunehmen, dass weniger Olga Kern selbst als vielmehr das begleitende Orchester die Hauptschuld an der mittelmäßigen Leistung trugen - Nun ja: Das vorliegende Solo-Rezital mit russischer Klaviermusik verbessert den Eindruck zumindest ein wenig, wenn auch grundsätzliche Zweifel nicht ausgeräumt werden können.
Olga Kern beginnt ihr Programm mit Rachmaninows zweiter Klaviersonate in b-Moll op. 36 und wandelt damit auf Vladimir Horowitz’ Spuren, der von diesem wilden, fesselnden Werk eine ungeheuer kraftvolle Live-Aufnahme aus dem Jahre 1980 hinterlassen hat (RCA/Sony BMG). So berserkerhaft wie Horowitz drischt Olga Kern den eröffnenden gebrochenen Akkord nicht in den Flügel, und im weiteren Verlauf des Kopfsatzes lässt sie das virtuose Skalenwerk nicht so pedalarm-offen zu Geltung kommen wie Horowitz; Olga Kern spürt, bei aller technischen Brillanz, die ihr zweifellos zu Gebote steht, mehr der lyrischen Seite der Sonate nach. In der Darbietung von Rachmaninows Polka V. R. - der Komponist verarbeitete hier offenbar ein Stück, das sein Vater am Klavier zu spielen pflegte, zu einer hübschen kleinen Bravour-Nummer - bewegt sich Olga Kern zwischen Horowitz’ wiederum sehr extrovertierter und Rachmaninows eigener unprätentiöser, etwas beiläufiger Interpretation: Sie arbeitet einen warmen, lyrischen Klang heraus und agiert mit leicht distanzierter Galanterie.
Polyphonie à la russe gibt es in Sergei Tanajews Präludium und Fuge Gis-Dur op. 29 zu erleben, einem eigenwilligen Werk, das sich von verträumter Nachtstück-Atmosphäre im Präludium zu gestochen scharfer Kontrapunktik und dann am Ende doch zu großer virtuoser Klangentfaltung in der Fuge entwickelt. Olga Kern meistert dieses klaviertechnische Teufelszeug eben so sicher wie am Ende des Programms Balakirews gefürchtete Islamey (ein Stück, von dem Gerald Moore, die ehrliche Haut, in seinen Memoiren einst schrieb, er würde nicht einmal durch die ersten Seiten kommen). Das Problem an Olga Kerns Klavierspiel ist, um es nun auf den Punkt zu bringen, eher ihr fehlendes persönliches Profil: Man vermisst den Wagemut, die Risikobereitschaft eines selbstverliebten Exzentrikers wie Horowitz, oder man vermisst meinetwegen auch die beeindruckende innere Disziplin und Beherrschtheit, die sich in des Pianisten Rachmaninow scheuem Understatement vermittelt - man vermisst einfach irgendwelche näheren Anhaltspunkte darüber, wer Olga Kern eigentlich ist.

Michael Wersin, 15.10.2005



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