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Neighbourhood

Manu Katché

ECM/Universal 9869815
(55 Min., 11/2004) 1 CD

Wohl jeder, der sich in den vergangenen zwanzig Jahren ambitionierten Erwachsenen-Pop zu Gemüte geführt hat, musste dabei unweigerlich auf Manu Katché stoßen. Die wenigsten wissen das allerdings. Weil der in Frankreich geborene Schlagzeuger, der unter anderem für Sting, Joni Mitchell, Dire Straits oder Peter Gabriel die Trommel rührte, ein angenehm zurückhaltender Zeitgenosse ist. 1992 gab es schon einmal eine Solo-Platte des sensiblen Stockschwingers; sie blieb auf lange Sicht jedoch unbeachtet. Das sollte sich nun mit dem zweiten Album, das unter Manu Katchés Namen erscheint, ändern.
Es liegt natürlich auch an der prominenten Besetzung, die auf "Neighbourhood" zu hören ist. ECM-Chef Manfred Eicher hat dem afrofranzösischen Schlagwerker einige der besten Pferde seines Label-Stalls an die Seite gestellt; Jan Garbarek und Tomasz Stanko gehören dazu, ebenso die beiden polnischen Piano-Trio-Wunderknaben Marcin Wasilewski (Klavier) und Slawomir Kurkiewicz (Bass). Sie sind zweifellos die Protagonisten - vor allem die Bläser, die sich mächtig ins Zeug legen. Garbarek entdeckt - für ihn eher ungewöhnlich - den Funk, Stankos Trompete schraubt sich des Öfteren in schrille Höhen. Der wahre Star ist aber der Mann, der die Musik geschrieben hat, sie zusammenhält, dynamisiert und dramaturgisch effektvoll gestaltet: Manu Katché.
Er braucht keine unbegleiteten Alleingänge, um seine wunderbar feinmechanischen Fähigkeiten beim Groove-Aufbau unter Beweis zu stellen. Es gibt auf "Neighbourhood" tatsächlich nur zwei Stellen, die man als Drum-Solo im weitesten Sinne bezeichnen könnte. Parallel zu Marcin Wasilewskis Klavierexkursion in "Lovely Walk" bricht Katché kurz aus. Und beim Schluss-Vamp der finalen Pop-Ballade "Rose", wo der Franzose ganz subtil die Besen tanzen lässt. Er könnte mehr, ist aber ein viel zu treuer Anwalt seiner Kompositionen, als dass er sie mit angeberischen Muskelspielereien verraten würde.
Sicher, die Stücke sind thematisch äußerst einfach gehalten. Aber gerade dadurch entfalten sie ihren eigenen Reiz. Sei es das Betthupferl "Lullaby", dessen Melodie von einer schlaftrunkenen Trompete und einem somnambulen Tenorsaxofon eng umschlungen vorgetragen wird, sei es die an Herbie-Hancocks "Maiden Voyage"-Zeit gemahnende Demutsübung "Good Influence", sei es die "All Blues"-Paraphrase "Miles Away": alles fließt, pulsiert und erfreut auf ganz natürliche Art. Die größte Kunst ist die, die man als solche nicht sofort bemerkt. Niemand weiß das wahrscheinlich besser als Manu Katché, der unaufdringliche Schlagzeug-Held.

Josef Engels, 08.10.2005



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