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Temptation

Yuri Honing, Wired Paradise

Challenge Records/Sunny Moon JIM 75228
(76 Min., 7/2005, 9/2005) 2 CDs

Als der niederländische Tenorsaxofonist Yuri Honing gemeinsam mit dem Bassisten Tony Overwater und dem Schlagzeuger Joos Lijbaart 1996 die CD "Star Tracks" veröffentlichte, überschlug sich vor allem in Großbritannien die Presse. Auf der Insel ernannte man Honing kurzerhand zum neuen Sax-Messias. Was war passiert? Honing hatte Songs wie Abbas "Waterloo" oder Cindy Laupers "True Colours" schlüssig in den Jazzkontext übertragen. Er und sein Trio dürften damit die Vorreiter der großen Pop-Anverwandlungswelle sein, die seitdem in der improvisierten Musik nicht mehr abreißt.
Zehn Jahre nach der Sensation zeigt sich Honing mit seiner Band "Wired Paradise" als gereifter Gebieter über die Ausdrucksmöglichkeiten des Gegenwarts-Jazz. Grundlage der Musik auf den zwei CDs von "Temptation" sind Tony Overwaters ostinate E-Bass-Linien, die irgendwo zwischen Free-Funk und Headbanger-Rock anzusiedeln sind. Joos Lijbaart vervollständigt das Rhythmusgerüst mit feinen Verstrebungen; zuweilen bringt er es mutwillig zum Wackeln. Honing, dessen schwermütig-eleganter Ton an Wayne Shorter erinnert, und sein deutscher Melodie-Sparringspartner Frank Möbus an der gespenstisch verhallten E-Gitarre sind schwindelfrei genug, um sich davon nicht sonderlich beirren zu lassen.
Auf "Temptation" finden sich lange Kletterpartien, in denen die Beteiligten mal durch den Grand Canyon kraxeln, mal orientalische Gebirgszüge entlang hangeln, mal eine kurze Rast in einer beschaulichen Swing-Berghütte einlegen. Ob Yuri Honings "Wired Paradise" damit nun zwingend die Überlegenheit des europäischen Jazz gegenüber seinem amerikanischen Pendant illustriert, wie Stuart Nicholson im Booklet-Text schreibt, mag jeder selbst entscheiden. Fakt ist, dass Honing und die Seinen mit postideologischer Gelassenheit neue Höhen des Jazzrock erklimmen.

Josef Engels, 12.05.2006



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