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Phlogistone

L14, 16

Nagel Heyer 2074/Edel Contraire
(51 Min., 8/2005) 1 CD

Was soll man von einem Stück erwarten, das "Nürnberg" heißt? Fränkische Behäbigkeit? Süddeutsches Granteln? Weit gefehlt. Hinter der 47 Sekunden kurzen Ouvertüre der CD "Phlogistone" verbirgt sich ein Blitzangriff auf die Ohren, mit irre hingespuckten Bläsersätzen wie knallende Nilpferdpeitschen. Das deutsche Quintett mit dem eher seltsamen Namen L14,16 (der sich einer Mannheimer Kneipe verdankt) liebt es eben, den Zuhörer an den Ohren herumzuführen. Auf "Phlogistone" gibt es dafür reihenweise schön verwirrende Belege. Etwa die ausgesprochen originellen Umarbeitungen von Standards wie "What Is This Thing Called Love", "Sidewinder" oder "Ice Cream" (letzteres klingt glatt wie der mürbe Soundtrack zu einer Fachtagung für Migräneforschung). Oder die reichlich seltsamen Zwischenspiele. Besonders sei das an "Die Ritter der Kokosnuss" gemahnende „Donkey Race“ hervorgehoben.
Es ist diese Mischung aus schrägem Humor, hoher Arrangierkunst, bestechender Virtuosität und homogenem Bandsound, die L14,16 einzigartig macht. Wenn man dann liest, dass Trompeter Axel Schlosser, Tenorsaxofonist Steffen Weber, Pianist Rainer Böhm, Bassist Arne Huber und Schlagzeuger Lars Binder allesamt erst um die 30 Jahre alt sind, dann steigert sich der Respekt noch mal um ein Stück. Die Jungs sind nämlich extrem reif.
Es ist eine Sache, sich komplexe Kompositionen mit abrupten Stimmungswechseln, krummen Metren und eigenwilligen Breaks auszudenken. Wenn man es allerdings hinbekommt, dass das alles so leicht und flockig klingt wie eine lustig-rasante Kaffeefahrt im Hardbop-Wunderland, dann kann man nur den Hut ziehen. Startrompeter Randy Brecker hat es in seinen Liner Notes zu "Phlogistone" bereits getan. "Ich bin sicher, dass wir von denen noch sehr viel hören werden", schreibt er. Recht hat er.

Josef Engels, 28.07.2007



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