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(V)ivre

Henri Texier, Strada Sextet

Label Bleu/Rough Trade 6668
(54 Min., 6/2004) 1 CD

Man sieht das Cover, auf dem sich ein junger Mensch mit erhobenen Armen an einer Backsteinwand abstützt, ganz so, als würde er gleich von der Polizei untersucht werden. Darüber gewahrt man ein französisches Graffito. Unwillkürlich denkt man an die Pariser Banlieu-Aufstände vom November 2005. Natürlich, die neue CD des Bassisten Henri Texier und seines Strada Sextets ist keine direkte Reaktion auf die Aufstände der zukunftslosen Jugendlichen. Die Aufnahmesessions von "(V)ivre" datieren aus dem Sommer 2004, und auch das Titelbild wird, da es von dem berühmten Afrika-Fotografen Guy Le Querrec stammt, nicht unbedingt in den Pariser Plattenbausiedlungen entstanden sein. Und doch zeigt die CD, auf der beinahe die Hälfte der Stücke das Wort "Revolt" im Titel trägt, dass Frankreich die Lösung für das heftig diskutierte multiethnische Miteinander ästhetisch schon lange gefunden hat.
Der französische Jazz, in dessen Zentrum Texier mit seinem mächtigen Basston steht, verbindet mühelos verschiedenste kulturelle Einflüsse. Das gilt für die viel beschworene "folklore imaginaire", das gilt besonders für das Strada Sextet. Es ist regelrecht unglaublich, wie Texier, sein Sohn Sebastien an Klarinette und Altsax, der Sopran- und Baritonsaxofonist François Corneloup, der Posaunist Guéorgui Kornazov, der Gitarrist Manu Codjia und der Schlagzeuger Christophe Marguet die Verhältnisse auf "(V)ivre" zum Tanzen bringen. Man hört indische Brass-Band-Anklänge und Dixieland-Verweise, Afro-Grooves und Rock, Bill-Frisell-Sphärentöne und Swing, maghrebinische Pattern und freies Geräuscheln. Aber alles klingt wie aus einem Guss, enorm kraftvoll, schweißtreibend und seltsam majestätisch. Und man ahnt, was das wortspielende Kreide-Graffito auf dem Cover zu bedeuten hat. (V)ivre kann nichts anderes heißen als: besoffen vom Leben, von seinen Gegensätzen, seinen Komplikationen und seiner schmutzigen Schönheit.

Josef Engels, 07.01.2006



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